Kinokalender
Mo Di Mi Do Fr Sa So
14 15 16 17 18 19 20
21 22 23 24 25 26 27

11.026 Beiträge zu
2.963 Filmen im Forum


Gefängnisneubau im Südosten von Wuppertal
Foto: Francis Lauenau

Betonierte Jugend

In Ronsdorf wurde die neue Jugendstrafanstalt eingeweiht – ein Fortschritt? - THEMA 10/11

Das Portrait des Bundespräsidenten lehnt an der Wand. „Wir haben noch kein Loch in den harten Beton bohren können“, entschuldigt sich Rupert Koch, Leiter der Jugendvollzugsanstalt Wuppertal-Ronsdorf für den nicht ganz staatstragenden Umgang mit dem gerahmten Foto. So muss Herr Wulff von der Fußbodenleiste aus in das Besprechungszimmer lächeln. Nicht nur wegen der harten Mauern gilt das neue Gefängnis als völlig ausbruchssicher. Schon wenn man sich von außen nähert, wähnt man sich in die Zeit, als zwischen West- und Ostberlin noch eine Mauer stand. Wie eine kleine DDR sieht der riesige Gebäudekomplex aus, der in zwei Jahren Bauzeit in die Landschaft gerammt worden ist. Die Sicherheit der Bevölkerung, so wird dem Besucher schnell klar, ist nicht gefährdet. Vor einigen Monaten haben sich einige SEK-Beamte daran gemacht, die Mauer zu überwinden – probehalber. Mit Spezialanzügen und Wolldecken benötigten sie über 20 Minuten, bevor sie die NATO-Rollen in schwindelerregender Höhe mit einer Mischung aus Akrobatik und Muskelkraft überwunden hatten. So viel Zeit bleibt einem gemeinen Ausbrecher nicht. Überall wachen motorisierte Kameras. Ein Streifenwagen fährt Patrouille. Die Wuppertaler und besonders die Ronsdorfer scheinen sich nach anfänglichen Protesten mit ihrer neuen Haftanstalt abgefunden oder sogar angefreundet zu haben. Beim Tag der offenen Gefängnistür am 16. Juli kamen rund 7.500 Besucher. Man hatte mit etwa tausend Interessenten gerechnet und musste die vorbereitete Gulaschsuppe schnell noch strecken. Ohnehin galt der Protest der Bürgerinitiative Freies Scharpenacken eher ökologischen Fragen. Statt in einem Landschaftsschutzgebiet hätte man die Anstalt auch in bereits bewohntem Terrain ansiedeln können, so die Kritiker. Aber für die damalige schwarz-gelbe Landesregierung war durch den Skandal um die JVA Siegburg, bei der ein Häftling von seinen Zellengenossen zu Tode gequält wurde, promptes Handeln entscheidend. Nicht nur die Sicherheit der Bevölkerung, sondern auch die der Häftlinge war plötzlich wichtig. Um die katastrophale Überbelegung der Anstalten zu beenden und maximal zwei Häftlinge in einer Zelle unterzubringen, musste schnell ein Neubau her.

Ein Jahr Einsitzen reicht nicht für eine Berufs- oder Schulausbildung
Stolz präsentiert ein Vollzugsbeamter nun dem Pressevertreter die gerade fertiggestellte Immobilie. Zwei unterirdische Gänge führen von außen in den Sicherheitsbereich. Dutzende von schweren Stahltüren müssen aufgeschlossen werden, bis man in eine noch unbelegte Zelle kommt. Studentenwohnheime bieten zuweilen ähnlichen Komfort. Einige Zellen allerdings sind merklich spärlicher ausgestattet, ohne Trennwand vor der Toilette, mit gemauertem Sockel als Schlafstelle und unkaputtbarem Waschbecken aus Edelstahl. „Unruhige Häftlinge können hier für einige Zeit untergebracht werden“, erklärt der Beamte. Neu an der Jugendvollzugsanstalt sind einige Extras. Es gibt keine Gemeinschaftsduschen mehr, weil dort oft ein mindestens ruppiges Klima herrschte. Die Zellen sind so angeordnet, dass Wohngruppen gebildet werden. Tagsüber können sich die Häftlinge besuchen, wenn die Zellentüren aufgeschlossen sind. Gemeinsam kann in einer kleinen Küche gekocht werden. Zwei Gruppenräume ermöglichen den sozialen Kontakt untereinander. In den Werkstätten, die in separaten Hallen untergebracht sind, können Berufsausbildungen begonnen werden. In sehr freundlich eingerichteten Klassenzimmern drücken viele Häftlinge die Schulbank, um fehlende Abschlüsse nachzuholen. Noch sind viele Gebäude ungenutzt. Erst nach und nach werden Häftlinge aus anderen JVAs nach Ronsdorf verlegt. Erst die Praxis wird dann zeigen, wie innovativ der neue Jugendstrafvollzug ist.

Im Gegensatz zu den alten Gefängnissen in NRW, die manchmal schon über hundert Jahre alt sind, wirkt der Komplex in Ronsdorf sehr modern. Aber entspricht er auch den Forderungen, die Sozialwissenschaftler an einen zeitgemäßen Jugendstrafvollzug stellen? In der Fachwelt hat sich, ganz im Gegensatz zu den Positionen der Boulevard-Medien und der Stammtische, die Meinung verfestigt, dass gerade im Jugendstrafvollzug weder Rache, Sühne oder Abschreckung eine große Rolle spielen sollten. Wichtig sei bei jugendlichen Straftätern hingegen Sozialtraining, Berufsausbildung, die allgemeine Schaffung von Lebensperspektiven. Hierfür allerdings, und das mag zunächst paradox wirken, sind die verhängten Haftstrafen in der Regel nicht lang genug. Durchschnittlich sitzt ein jugendlicher Delinquent ein Jahr in Haft. Das reicht weder für eine Berufs- oder Schulausbildung noch für das Erlernen neuer Verhaltensweisen in sozialen Trainingsmaßnahmen. So stellen sich Fragen, die allerdings nicht in Ronsdorf, sondern in Düsseldorf und Berlin beantwortet werden müssten: Bräuchten wir nicht längere Haftzeiten und dafür offenere Vollzugseinrichtungen? Bräuchten wir nicht mehr Personal und weniger Beton? Nicht ganz so harte Wände würden letztlich auch unserem Bundespräsidenten helfen, in Ronsdorf den ihm gebührenden Platz einzunehmen.

Weitere Texte zum Thema:
"Wir sind kein Kuschelknast"
"Vollzug ist ein knallhartes Machtsystem"
Flache Pässe hinter hohen Mauern
Siegburg, Gelsenkirchen, Herford...

LUTZ DEBUS

Tags: Thema 10/11

Lesen Sie dazu auch:

Flache Pässe hinter hohen Mauern
Das Sportangebot in der JVA Ronsdorf ist beispielhaft für das ganze Land - Thema 10/11

„Vollzug ist ein knallhartes Machtsystem“
Thomas Feltes über Probleme im Jugendgefängnis - Thema 10/11

„Wir sind kein Kuschelknast“
Rupert Koch über die Jugendvollzugsanstalt in Ronsdorf - Thema 10/11

Siegburg, Gelsenkirchen, Herford …
Gewaltexzesse in Jugendgefängnissen waren Normalität - Thema 10/11

engels-Thema.

„Politiker sind Designer unseres Zusammenlebens“
Ein Interview mit Joachim Paul, Spitzenkandidat der Piraten in NRW – Thema 05/12

Wieder Wahl
In diesem Monat wird über ein neues Landesparlament abgestimmt - THEMA 05/12

„Die Vielgliedrigkeit führt zur Spaltung unserer Gesellschaft“
Heide Koehler über die Schulpolitik im Land NRW - Thema 05/12

„Mit der Arbeit der Regierung in Düsseldorf sehr zufrieden“
Johannes Slawig über die Entlastung Wuppertals durch die NRW-Regierung – Thema 05/12

Die Freiheit, die er meint
Mit Christian Lindner hat die FDP ihren Retter gekürt - Thema 05/12

Ahoi auf der Wupper
Die Piraten im Bergischen Land hoffen auf den Einzug ins Landesparlament - Thema 05/12

Smoke on the water
Nichtraucherschutz vs. Raucherschutz – wer hat recht? - THEMA 04/12

„Es wird keine Ungleichheit mehr geben“
Michael Wolff zu den Problemen, das Nichtraucherschutzgesetz durchzusetzen - Thema 04/12

Konkurrenzlose Heimat für Havannas und Humidore
In Elberfeld kann die umstrittene Droge im Fachgeschäft erstanden werden - Thema 04/12

Laufen als Ersatzdroge
Heilpraktiker Karl-Otto Franke findet individuelle Wege zum Nichtraucher - Thema 04/12

„Sie dürfen auch niemandem auf die Nase hauen, nur weil Boxen Ihr Hobby ist“
Barbara Steffens über die Novellierung des Nichtraucherschutzgesetzes - Thema 04/12

Der wilde wilde Osten
Das Verhältnis zwischen Wuppertal und China ist ausbaufähig - THEMA 03/12

Standortfaktor Engels
Gespräch mit Eberhard Illner, Leiter des Historischen Zentrums Wuppertal - Thema 03/12

„Die Kultur ist anders, aber nicht schlechter“
Henning Carl über die Erfahrungen, in China eine Fabrik zu errichten - Thema 03/12

Eine Werbeagentur im ehemaligen Musterland von Agit-Prop
Die VOK DAMS Gruppe aus Wuppertal ist in China erfolgreich - Thema 03/12

„Mehr Hinrichtungen als in allen anderen Ländern dieser Welt zusammen“
Dirk Pleite über die Position von Amnesty International zu China - Thema 03/12

Ist Wuppertal narrensicher?
Karnevalistisches Treiben gehört hier nicht zu den Grundtugenden – THEMA 02/12

„Jewollt und nit jekonnt“
Eberhard Illner kritisiert den Wuppertaler Karneval aus der Sicht des Historikers – Thema 02/12

Fröhlicher Rollentausch mit pädagogischem Hintergrund
Jugendzentren organisieren Gemeinschaftswagen für Karnevalszug – Thema 02/12

Lieber den Mantel teilen als Kamelle schmeißen?
Werner Kleine erklärt, warum stadtweites Brauchtum schwer zu etablieren ist – Thema 02/12

„Wir sind nicht so kommerziell“
Marjetta Appelmann und Uwe Lischke zum organisierten Karneval - Thema 02/12

Ökologisch und sozial
Die GESA sammelt Holz in heimischen Wäldern – THEMA 01/12

"Landwirte werden zunehmend zu Energiewirten"
Dirk Valentin über das Potential von Holz als Brennstoff – Thema 01/12

„Die Preise für Energieholz sind deutlich gestiegen“
Albert Vosteen über die Arbeit der Forstverwaltung und den wandelnden Holzmarkt – Thema 01/12

Freiwillig auf den Holzweg begeben
Ein Experte aus Unterbarmen schwört auf moderne Heiztechnik – Thema 01/12

Prima Klima und warme Klassenräume
Die Erich-Fried-Gesamtschule in Ronsdorf heizt mit Holz – Thema 01/12

Von Netzen, Fischen und Fischern
Die Märkte für Energie und Telekommunikation sind im Umbruch – THEMA 12/11

„Die grauen Zeiten sind vorbei“
Thomas Bradler über den Wandel auf dem Telekommunikationsmarkt – Thema 12/11

Ein Vierteljahr ohne Telefon
Auch beim ehemaligen Monopolisten gibt es Katastrophen – Thema 12/11

„Netze gehören wie Straßen in die öffentliche Hand“
Hermann Ott über die Wahl des richtigen Stromanbieters und über die Zukunft der Netze – Thema 12/11

Freie Netze für alle!
Die Netz-Utopie Wuppertaler Freifunker – Thema 12/11

Euro oder Wupper-Taler?
Die Krise der Gemeinschaftswährung hat auch etwas mit uns zu tun – THEMA 11/11