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Axel Ranisch, Ruth Bickelhaupt, Heiko Pinkowski, Peter Trabner
Foto: Nathalie Caesar

Bioprodukte der deutschen Filmlandschaft

50 Jahre Oberhausener Manifest – Film und Diskussion im Filmforum – Gespräch zum Film 02/12

Das deutsche Kino ohne Schwung und Vision – dieser Vorwurf wird immer wieder laut. Anlässlich des 50. Jubiläums des Oberhausener Manifests für mehr Kreativität und Freiheit bei der Filmproduktion fragte das Filmmagazin Schnitt in einer gemeinsamen Veranstaltung mit der ifs Internationale Filmschule Köln nach dem heutigen Stand des Jungen Deutschen Films. Wenn auch heutige Filmemacher über weitaus mehr technische und kreative Möglichkeiten verfügten als diejenigen, die das Oberhausener Manifest unterzeichneten, fänden sich allzu häufig nach einem scheinbar erfolgreichen Rezept gedrehte Filme in deutschen Kinos. Etwas anderes habe auf der Leinwand kaum eine Chance, so der Regisseur Andreas Dresen in einem Interview mit Schnitt. Ist das deutsche Kino tot?

Gemeinsam mit der ifs Internationale Filmschule Köln lud Schnitt einen jungen Regisseur und sein Schauspielerteam dazu ein, sich zu dieser Frage und zum deutschen Kino zu äußern. Axel Ranisch feierte mit seinem Debütfilm „Dicke Mädchen“ von 2011 bereits große Erfolge: neben zahlreichen Preisen (unter anderem den Berndt-Media-Preis für den besten Filmtitel) ist der mit nur 571,30 € gedrehte Film bereits in den USA auf Festivals zu sehen. Am 8.2. trafen Axel Ranisch, Ruth Bickelhaupt, Heiko Pinkowski und Peter Trabner im Filmforum auf ein interessiertes Publikum.

Als Gegenstück zu jeglichem Mainstream ist „Dicke Mädchen“ ein Exempel für ein Werk jenseits vorgegebener Strukturen: die lediglich entlang eines roten Fadens entsponnene Handlung entwickelte sich vor allem aus der Improvisation der Schauspieler. Der Film wurde ohne jegliche Förderung produziert.

Diese Besonderheit hat zwei Gründe: Axel Ranisch brauchte einen Diplomfilm, und er war ungeduldig. Auf Förderung zu warten hätte nicht nur Zeit erfordert, auch wären zahlreiche Kompromisse mit den Förderern notwendig gewesen. Ranisch machte es anders. Neben den zwei Schauspielern Pinkowski („Glück“) und Trabner („Papa Gold“) bezog er seine 73-jährige Großmutter ein, um einen Stoff umzusetzen, der ihm schon lange am Herzen lag. Damit war Raum gegeben für kompromisslose Kreativität in der Umsetzung des 76-minütigen Films, der stark von der gegenseitigen Vertrautheit des kleinen Teams profitierte.

Ohne Unterstützung zu drehen bot die Erfahrung, einfach loslegen und sich somit jenseits von Vorgaben bewegen zu können. An diesen kranke laut Ranisch auch das deutsche Filmwesen häufig: denn je größer die gewährte Förderung, desto größer die Einmischung, desto beschnittener jede Kreativität des Regisseurs. Folgende Punkte greifen Ranisch und sein Team auf: das oft als „ohne Schwung“ bezeichnete deutsche Kino werde von den allzu großen Vorgaben schon in seinem Keim erstickt. Auch seien Produktionen über 90 Minuten viel zu langatmig, wovon ein Film kaum profitiere. Das Risiko, ohne eine Förderung auf seinen Kosten sitzen zu bleiben, sei zu hoch. Frei produzierte Filme hätten es darum schwer, sich beim Publikum und potentiellen Förderern zu etablieren. Eine Förderung, die ohne Einmischung und Vorgaben gewährt würde, sei sicher notwendig, doch kaum realistisch. Bei ihrer zeitgleich zum Dreh gegründeten Produktionsfirma „Sehr gute Filme“ ist nicht nur der Name Programm: Ranisch und sein Team verlasen ein von ihnen festgelegtes „Sehr gutes Manifest“ für Produktionen im Stile von „Dicke Mädchen“.

Ihr Manifest ist ein Plädoyer: „ ...für eine Freiheit von Budgetzwängen, der unbeschnittenen Intuition als wichtigstem Werkzeug (...) Für wahrhaftige Themen, zwischen Realismus und Fantasie, Alltag und Abstraktion. (...) Für Filme, die musikalisch, politisch, einfach gestrickt und abgrundtief echt sind. (...) Sehr gute Filme sind die Bioprodukte der deutschen Kinolandschaft“. Ein solches Manifest müsse Eingang in die Köpfe der Förderer erhalten. Erst dann sei das Vertrauen in ein Filmteam geschaffen, um ohne Bevormundung in Produktionsfirmen wie „Sehr gute Filme“ zu investieren.
„Dicke Mädchen“ kommt 2012 im Frühjahr oder Herbst in die Kinos. Bekanntgabe unter engels.de.

ifs Internationale Filmschule Köln

Schnitt - Das Filmmagazin

Interview mit Andreas Dresen

Sehr gute Filme

Dicke Mädchen

Nathalie Caesar

Gespräch zum Film.

„Ich will kein Autorenfilmer mehr sein“
Hans Weingartner über „Die Summe meiner einzelnen Teile“ – Gespräch zum Film 02/12

Wege der Trauer
Regisseurin Pia Strietmann zu ihrem Kinodebüt „Tage die bleiben“ – Gespräch zum Film 01/12

„Eine Wahrheit hinter der Wahrheit“
Regisseur und Produzent Tom Bohn über seinen Film „Reality XL“ – Gespräch zum Film 01/12

Kinder, werdet bloß nicht schwul!
Die FSK trifft eine umstrittene Entscheidung über "Romeos" - Gespräch zum Film 12/11

Der Körper als Bunker
Regisseur Michaël R. Roskam zu seinem Film „Bullhead” – Gespräch zum Film 12/11

„‚Netter Film‘ wäre schlimm“
Produzent Stephan Holl über „Underwater Love“ – Gespräch zum Film 11/11

Film ist immer Gestaltung
Regisseur Michael Glawogger über seinen Film „Whores Glory“ - Gespräch zum Film 10/11

Liebe als Idee
Regisseur und Drehbuchautor Jan Schomburg über seinen Debütfilm „Über uns das All“ – Gespräch zum Film 09/11

Geborgenheit und Freiheit
Die Schweizerin Marie Kreutzer über ihren Debütfilm „Die Vaterlosen“ - Gespräch zum Film 08/11

Filme über Menschen
Regisseurin Nanouk Leopold über “Brownian Movement” - Gespräch zum Film 07/11

Eine kleine Invasion
Regisseur Ulrich Köhler über seinen Film „Schlafkrankheit“ - Gespräch zum Film 06/11

Labyrinth der Weltbilder
Thomas Frickel über „Die Mondverschwörung“ - Gespräch zum Film 05/11

Was der Tag so bringt
Jürgen Brügger & Jörg Haaßengier über ihren Film „Ausfahrt Eden“ - Gespräch zum Film 04/11

Ich denke nicht in Genres
Regisseur Ali Samadi Ahadi über „The Green Wave“ - Gespräch zum Film 03/11

Der Zuschauer als Insasse
Philip Koch über „Picco“ - Gespräch zum Film 02/11

Unsichere Männer
Micha Lewinsky über sein Spielfilmdebüt „Der Freund“ - Gespräch zum Film 01/11

Lebensalltag des Slums
Produzentin Marie Steinmann über „Soul Boy“ - Gespräch zum Film 12/10

Wahrnehmung von Wartenden
Angela Schanelec über ihren neuen Film „Orly“ - Gespräch zum Film 11/10

Andere Action
Thomas Arslan über „Im Schatten“ - Gespräch zum Film 10/10

Plädoyer für das Flüstern
Semih Kaplanoğlu über "Bal - Honig" - Gespräch zum Film 09/10

Die Spielregeln ändern
Dietrich Brüggemann über "Renn, wenn du kannst" - Gespräch zum Film 08/10

Masturbierende Teenager
Riad Sattouf über „Jungs bleiben Jungs" - Gespräch zum Film 07/10

Das Fiktive verliert sich
Tizza Covi und Rainer Frimmel über „La Pivellina“ - Gespräch zum Film 06/10

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David Sieveking über „Davis Wants to Fly“ - Gespräch zum Film 05/10

Sinn abringen
Jessica Hausner über "Lourdes" - Gespräch zum Film 04/10

Ein Bauchgefühl
Frieder Wittich über „13 Semester“ - Gespräch zum Film 01/10

Kinder, nicht Täter
Alexandra Westmeier über „Allein in vier Wänden“ - Gespräch zum Film 12/09

Dokumentarfilmer als Therapeut
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Das macht man nur einmal
Jan Henrik Stahlberg über „Short Cut to Hollywood“ - Gespräch zum Film 09/09

Auf Stereotype verzichten
Bettina Haasen über „Hotel Sahara“ - Gespräch zum Film 08/09

Zeitgenössisches Märchen
Ursula Meier über "Home" - Gespräch zum Film 07/09

Therapeutische Kraft
Alexander Adolph über "So glücklich war ich noch nie" - Gespräch zum Film 04/09