Was waren das noch für Zeiten, als sich Marcel Reich-Ranicki mit Sigrid Löffler über eine pornografische Szene in Haruki Murakamis Roman „Gefährliche Geliebte“ zoffte und die ganze Nation am Bildschirm miterlebte, wie Löffler nach zwölf gemeinsamen Jahren das Tischtuch des „Literarischen Quartett“ zerschnitt. Literatur erregte die Gemüter der Fernsehwelt, zuletzt noch 2008 als Reich-Ranicki den Deutschen Fernsehpreis ablehnte, weil ihm das Fernsehprogramm wie ein einziger großer „Blödsinn“ erschien. Dabei wollte man ihn doch dafür ehren, dass er als Anwalt der Literatur dem Fernsehen angeblich die Qualitäten der Buchkultur so anschaulich offenbart hatte.
Scheinheilig wirkte diese Ehrung schon damals. Deshalb nutzte Reich-Ranicki wohl auch die Gelegenheit, um der Chefetage der Sender einen Skandal zu bescheren. Jetzt bestätigt das ZDF diesen Eindruck auf ganzer Linie. Nachdem Elke Heidenreich die Kündigung für ihre Sendung „Lesen!“ erhalten hatte, verstarb zum Jahreswechsel auch deren Nachfolger „Die Vorleser“. Nun könnte man einwenden, dass Literatur und Fernsehen nie in einer Liebesheirat aufgehen mochten, das ZDF entledigte sich also nur einer lästigen Pflicht. Aber so einfach ist die Sache nicht.
Die Publikumsverlage legten jetzt über den Deutschen Börsenverein mit einem Appell Beschwerde ein: „Das ZDF nimmt seinen Kulturauftrag als öffentlich-rechtlicher Sender beim Thema Literatur und Lesen nur ungenügend wahr. Literatur findet dort derzeit in einer eigenständigen Sendung nicht mehr statt“, stellen sie fest. Deshalb fordern die Verlage „die Programmverantwortlichen des Senders auf, sich dieses Themas intensiv anzunehmen“. Offenbar muss das ZDF daran erinnert werden, dass es sich noch nicht ungeniert wie ein Privatsender aufführen darf. Tatsächlich wirkt die Kaltschnäuzigkeit, mit der man sich selbst der kulturellen Alibi-Sendungen entledigt, schockierend.
Man darf die großen Sender jedoch nicht aus der Pflicht nehmen. Die Literatur braucht in unseren Tagen die Unterstützung des Fernsehens, denn das Fernsehen stellt die Leitwährung unserer Medienlandschaft dar. Wenn im „Literarischen Quartett“ ein Titel empfohlen wurde, kamen die Buchhändler am nächsten Tag mit dem Bestellen nicht mehr nach. Als die Polin Wisława Szymborska – die eine wundervolle, für jeden verständliche Lyrik schrieb – den Literaturnobelpreis erhielt, verkauften sich ihre Bücher in Deutschland auch nicht besser als ohne Preis. Nachdem Elke Heidenreich ihre Texte hingegen öffentlich las, kam der Suhrkamp Verlag beim Nachrucken der Szymborska-Titel ordentlich ins Schwitzen. Die Menschen wollen lesen, aber sie haben die Bindung an den öffentlichen Diskurs über Literatur - der ja auch nur noch spärlich betrieben wird - verloren. Und sie wollen auch einmal etwas anderes als Charlotte Link und Stephenie Meyer lesen, dazu brauchen sie den literarischen Tipp aus dem Fernsehen. Und warum sollte das Fernsehen nicht auch einmal ein bisschen Leseförderung betreiben, ihm gehört doch eh schon das Feld der medialen Aufmerksamkeit. Also, ihr Pflichtvergessenen, ob es euch schmeckt oder nicht, lesen muss sein.
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