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Die Bibel der Comics

ComicKultur 05/10

Gott hat in Comics Hochkonjunktur. Meist – klar – als Witzfigur: Fils „Didi & Stulle“, Ralf Königs „Prototyp“ und „Archetyp“, Robert Crumbs „Genesis“ und jetzt „Faust – Der Tragödie erster Teil“ von Flix. In der Geschichte, die zuerst in der FAZ erschien, wettet der Teufel mit Gott, dass er den Berliner Taugenichts Heinrich Faust auf seine Seite zieht – man kennt die Story. Flix versetzt Goethes Thema fröhlich-dreist in die Gegenwart und kann dem einiges an Humor abgewinnen. Der Band ist hübsch im klassischen Reclam- Design gestaltet (Carlsen). Hier kommt er nur im Titel vor: „Ein Vertrag mit Gott“ markiert so etwas wie den Beginn des modernen Comics. Natürlich gab es in den 60er und 70er Jahren den Comix-Underground für Erwachsene, aber erst mit Will Eisners Werk von 1978 erhielten Comicgeschichten eine der Komplexität des Romans entsprechende Form, die Eisner sogleich Graphic Novel taufte. Ein Ausdruck, der erst 30 Jahre später seinen Siegeszug antreten sollte und sich nun auch langsam hierzulande durchgesetzt hat. Der schicke Sammelband von Carlsen vereint Eisners titelgebende Mietshausgeschichten, „A live force“ von 1983 und „Dropsie Avenue“ von 1995. Mit zwei weiteren Bänden soll die Eisner-Bibliothek bei Carlsen komplettiert werden. Um im Bild zu bleiben: Das ist unbestreitbar die Bibel der Comic-Connaisseure. Eine lupenreine Graphic Novel ist auch „Gift“ von Peer Meter und Barbara Yelin. Die Verarbeitung des historischen Stoffs – eine Giftmischerin bringt im 19. Jahrhundert in Bremen zahlreiche Menschen um – erinnert ein wenig an Alan Moores „From Hell“. Historisch sehr genau eingebettet wird an „Gift“ allerdings nicht gleich die ganze Weltgeschichte aufgehängt. Trotzdem ist das knapp 200seitige Werk nichts Minderes als ein genaues Sittengemälde der Zeit, mit allen moralischen, sozialen und psychologischen Indikationen. Die düsteren Kohlezeichnungen transportieren die Stimmung der beklemmenden Szenerie angemessen (Reprodukt). Sie rücken ihrem Ziel tatsächlich immer näher. Der auf 300 Alben angelegte „Donjon“-Kosmos ist inzwischen immerhin beim 30. Band angelangt. Die Initiatoren Joann Sfar und Lewis Trondheim zeichnen vor allem für die Stories verantwortlich, während zahlreiche Zeichnerkollegen die relativ einheitliche Umsetzung garantieren. mit „Der große Herzensbrecher“ und „Das Buch des Erfinders“ sind gerade wieder zwei neue Bände der Unterreihe „Monster“ erschienen – aberwitzig und abgründig wie immer (Reprodukt). Auch Christophe Blain ist am „Donjon“ beteiligt. Seine neue eigene Rehe „Gus“ geht jetzt mit „Schöner Bandit“ in die zweite Runde. In der Geschichte um drei Schwerenöter im Wilden Westen tobt sich Blain mit viel Witz und surrealen Momenten kreativ aus: Zugleich Western-Parodie und -Hommage, ist das auch zeichnerisch eine wahre Wonne (Reprodukt). Nicolas Mahler zählt inzwischen zu den meistpublizierten deutschsprachigen Künstlern: Seine oft absurden minimalistischen Strichmännchen- Strips speisen sich vom schwarzen österreichischen Humor. Zeitgleich erscheinen nun „Engelmann“ (Carlsen) und „Pornografie und Selbstmord“ (Reprodukt). Während Letzteres hinter die Kulissen blickt und abstruse Alltagserlebnisse eines Comiczeichners wiedergibt, beschäftigt sich „Engelmann“ mit einem wenig erfolgreichen Superhelden, dessen Charakter wegen Erfolglosigkeit von seinen Erfindern ständig umgeschrieben wird und schließlich eine Psychose erleidet. Ein Seitenhieb gegen Comic-Nerds, der ebenso Spaß macht wie seine Alltagsbeobachtungen: Mahler in Bestform!

Christian Meyer

Tags: ComicKultur

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