Das Drama der deutsch-deutschen Grenze mit der Errichtung und endlich dem Fall der Mauer zwischen Ost- und Westberlin ist ein zentrales Thema der jüngeren deutschen Geschichte. Zum 50. Jahrestag des Mauerbaus ist es besonders gegenwärtig. Vorab zur Solinger Ausstellung „Die Mauer – Eine Grenze durch Deutschland“ waren dazu einige zeithistorische Fotos zu sehen, welche die Ereignisse anschaulich, ja, spürbar machen. Es gibt gewiss viele Möglichkeiten, dieses Thema als Ausstellung eindringlich und lehrreich zu transportieren ... und nun hängen da – welche Enttäuschung – in einem recht nüchternen Raum im ersten Obergeschoss des Museums zwanzig Poster, die mit ihrem hohen Grau-Anteil immer demselben Schema folgen. Ein Plakat ist Deckblatt, bei den anderen befinden sich die Textblöcke als Bleiwüsten im Zentrum, welches von kleineren Fotos umgeben ist. Eben: Plakate, also mit der Ästhetik von Plakaten. Vielleicht wäre schon etwas gewonnen, wenn man diese Poster hinter Glas präsentiert hätte?
Denn inhaltlich ist das gut und übersichtlich aufbereitet. Die Texte und die Dokumentarfotos arbeiten die Zusammenhänge auf verständliche und dabei differenzierte Weise heraus. Und dabei gelingt es, die Ereignisse einerseits aus der zeitlichen Distanz zu vermitteln, andererseits doch für ihr Hineinreichen in die Gegenwart zu sensibilisieren. Der Beginn des Mauerbaus (präziser: die räumliche Abgrenzung der DDR gegenüber der Bundesrepublik, die nun vollzogen wurde) wird auf die Nacht vom 12. zum 13. August 1961 datiert, und der Fall der Mauer findet im Laufe der Ereignisse des Jahres 1989 statt. Zweiundzwanzig Jahre sind eine ziemlich lange Zeit; Menschen, die heute erwachsen sind, waren da noch nicht geboren – und umso mehr ist es wichtig, die Chronologie als eine Geschichte der Bundesrepublik Deutschland und des deutschen Volkes darzulegen.
Der Mauerbau resultiert aus den Ergebnissen des Zweiten Weltkrieges. Berlin wird durch die Siegermächte im Juli 1945 in vier Sektoren aufgeteilt. Schon bald setzt der Kalte Krieg zwischen West und Ost ein. Dieser und der Aufstand der DDR-Bevölkerung vom 17. Juni 1952 mit der Folge, dass die Übersiedlungen über die zunächst offenen Grenzen nach West-Berlin weiter zunehmen, bewirken die Verlegung von Stacheldraht in einer Nacht und Nebel-Aktion von kommunistischer Seite aus. Nach und nach erweitert die DDR den Grenzstreifen zu einer Todeszone und verschärft ihn noch mit dem Bau der physischen Mauer aus Steinen. Erst allmählich schalten sich die Westmächte ein. John F. Kennedy bringt Solidarität zum Ausdruck, indem er in seiner berühmten Rede vom Juni 1963 sagt: Ich bin ein Berliner. Die Mauer verläuft mitten durch Berlin, zerschneidet die Stadt. - Eines der Plakate in der Solinger Ausstellung ist mit „Maueralltag“ überschrieben: Auch der gehört dazu, auf östlicher wie auf westlicher Seite. Die Mauer unterbindet die Reisefreiheit und reißt Familien auseinander. Sie definiert die DDR als Unrechtsstaat, der sich zudem kaputt wirtschaftet. Und dann ist da die Aktivität der Stasi, sind die Schießbefehle an der Grenze, die furchtbar viele Menschen das Leben kosten, die Fluchten und die gescheiterten Fluchten und die Freikäufe durch die Bundesregierung und all die Repressalien gegenüber der Bevölkerung, die die Sehnsucht nach der Freiheit im Westen noch steigern.
Beschrieben wird auch, dass der Fall der Mauer nicht plötzlich passiert, sondern eine Folge vieler Ereignisse ist, die vom Volk ausgehen. Da sind die fortgesetzten Demonstrationen etwa in Leipzig und Ostberlin, die Ausreise über die Grenzen der östlichen Nachbarn und die Flucht in die Botschaften der Bundesrepublik.
Beispiele der Bildenden Kunst
Veranstalter der Ausstellung ist die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur in Zusammenarbeit mit den Zeitungen BILD und DIE WELT, welche die Bilder aus ihren Archiven und die Texte mittels zweier Redakteure geliefert haben. Innerhalb des Kunstmuseum Solingen hängen die Plakate im Ratssaal, der ein Raum der „Bürgerstiftung für verfemte Künste mit der Sammlung Gerhard Schneider“ ist. Das ist jetzt nicht nur ideell, sondern auch konkret zu verstehen. Denn zwischen den Plakaten sind drei Kunstwerke aus diesen Sammlungen ausgestellt, zwei von Karl Ortelt und eines von Horst Strempel, die den Mauerbau und die Maueropfer vor Augen führen: in ausdrucksstarken Malereien, ganz auf die Menschen konzentriert, entstanden aus der damaligen Betroffenheit heraus. Horst Strempel (1904-1975), der selbst 1953 die Sektorengrenze in den Westen überquert und seitdem in West-Berlin gelebt hat, ist in jüngeren Publikationen zur deutsch-deutschen Malerei immerhin noch genannt, Karl Ortelt (1907-72) hingegen längst vergessen; ja, er war nie bekannt – auch das ist ein Effekt dieser Ausstellung, auf die politisch engagierten Künstler in der DDR, die das Leid in Bilder übersetzt haben, hinzuweisen. Auch das gelingt hier also.
Die Mauer – Eine Grenze durch Deutschland I bis 24.10. I Kunstmuseum Solingen I www.kunstmuseum-solingen.de
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