Seit vielen Jahren zählt Julian Barnes zu den Stars des englischen Literaturbetriebs. Aber den Booker Prize, die bedeutendste Auszeichnung der britischen Literaturwelt, konnte er nie gewinnen. Nun hat er sie ausgerechnet mit dem schlanken, schmucklosen Roman „Vom Ende einer Geschichte“ ergattert. Barnes, der gerne mit seinen Sujets spielt und herausfordert, erzählt diesmal ziemlich stringent. Sein Protagonist Tony Webster gehört zu jenen Menschen, die in ihrem Leben mehr zurück schauen, als dass sie große Pläne für die Zukunft hegen würden. Wie für viele Briten, bleibt auch für ihn die Schulzeit ein prägender Stempel seiner Identität, dessen Druckfarbe er nie wirklich fort zu wischen vermag.
Entscheidend bleibt für Tony die Begegnung mit Adrian, einem Jungen, der in Tonys Klasse versetzt wird und scheinbar mühelos die Faszination der ganzen Clique auf sich zieht. Barnes erzählt mit listiger Beiläufigkeit, wie Tony durch ein nicht besonders ereignisreiches bürgerliches Leben stolpert. Die Beziehung zu Veronika, seiner ersten Freundin scheitert, später folgen Heirat, Kinder, gütliche Scheidung und ein bequemes Leben in bescheidenem Wohlstand. Bis dann eines Tages ein langes weißes Kuvert mit der Nachricht einer kleinen Erbschaft eintrifft, das sich als eine Art Mine erweist, die Tonys komplettes, scheinbar gut bekanntes Lebensgebäude bis in sein Fundament erschüttert. Barnes erzählt hinter vorgehaltener Hand von der Natur des Begehrens. So hatte Tony das Scheitern seiner Liebe zu Veronika schon in den Akten seines Erinnerungsarchivs abgeheftet. Aber dann stößt ihm übel auf, dass er Veronika, die ihm eigentlich gar nicht so wichtig war, an Adrian verloren hatte. Die alte Regel, dass wir im Grunde nicht ein Objekt begehren, sondern denjenigen beneiden, der es besitzt, löst in Tonys Inneren einen Schwelbrand aus. Plötzlich zeigt sich, dass Adrian eine andere Bedeutung zukam, als Tony jemals ahnte.
Julian Barnes hält den Ball flach, sein Protagonist erzählt unspektakulär, mitunter ein wenig täppisch, so dass der Roman eine feine Prise Humor erhält. Die spielerische Seite des barnes‘schen Temperaments zeigt sich denn auch eher in der Konstruktion, als in eitlen Arabesquen, deren verführerischen Versprechungen der Engländer in der Vergangenheit immer einmal wieder erlag. Auszeichnen wollte ihn die Jury des Booker Prize jedoch für dieses solide gezimmerte Stück Literatur, das seine Lesen für ihre Geduld mit einem cleveren Finale belohnt, in dem sich die Fäden plausibel und doch überraschend miteinander verweben.
Julian Barnes: Vom Ende einer Geschichte. Deutsch von Gertraude Krueger. Kiepenheuer & Witsch Verlag, 184 S., 18,99 €
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