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Mit Wagners „Der Fliegende Holländer“ legen die Wuppertaler Bühnen zu Saisonbeginn am Hafen der Imagination an
Foto: Wuppertaler Bühnen

Fette Beute im Opernhaus

Regisseur Jakob Peters-Messer setzt in seiner Inszenierung von Wagners „Der fliegende Holländer“ auf die Suggestivkraft - Bühne 09/11

Wagner bleibt bis heute kontrovers. Einmal, weil er nie politisch korrekt ist. Außerdem geht es immer und ausschließlich um ihn selbst. „Man kann die Figur des Holländers durchaus als Selbstportrait verstehen. Das kann nerven. Ist aber auch das Faszinosum und der Erfolg dieses Komponisten. Dem kann man sich gar nicht entziehen“, erklärt Jakob Peters-Messer.

Für den Regisseur, der in Wuppertal bereits „Die Heimkehr des Odysseus“ und „Unverhofft in Kairo“ realisierte, geht es im Kern des „Fliegenden Holländers“ um Grenzüberschreitungen. Zwei Menschen treffen aufeinander, die ausbrechen wollen aus ihrer Welt. Sei es aus den Grenzen der eigenen Bestimmung oder sei es aus der ganz konkreten Enge von Familie und sozialem Umfeld. „So ist es beim Holländer und bei Senta, die beide auf ihre Weise Außenseiter sind. Und deren Geschichte wird erzählt als romantische Ballade. Das Jenseitige, das Unwirkliche bricht ein in die Wirklichkeit und verunsichert, macht uns Schauern.“

Untoter Kapitän sucht Erlösung
Die Inszenierung zielt darauf ab, das Mystisch-Magische dieser speziellen Wagnerschen Bühnenrealität, die die Figuren zum Leben erweckt, in das Spannungsverhältnis zum psychologisch wirksamen Motor, der die Figuren treibt, zu setzen. „Es gibt darüber hinaus kein dramaturgisches ‚Konzept’, wie zum Beispiel die bei diesem Werk oft bemühte Metapher des Stückes als Traum von Senta. Die gestellte Aufgabe ist schwer genug, berührt aber, wie wir finden, die zentrale ‚Bauweise’ der Figuren“, sagt Dramaturg Johannes Blum. Man kommt bei einem solchen Werk, das so unmittelbar aus dem romantischen Vollen schöpft, nicht um die Beantwortung der Frage herum, wie romantisch – bei allen Grenzerfahrungen – die Inszenierung ist. „Vereinfacht gesagt spannt sich die Romantik zwischen zwei Polen auf: einerseits das Rückzugsidyll für das realitätsmüde Ich, das mit distanzschaffender Ironie auf die Welt schaut und andererseits der Schrecken der schwarzen Romantik, der, wohligen Grusel auslösend, die dünne Haut des Realen durchstößt“, so Johannes Blum. Doch dabei belässt es Wagner nicht: Senta und der Holländer sind trotz aller mystisch-magischen Maskiertheit Versionen realen, jetzigen Lebens.

Auch wenn im ersten Akt geschachert wird und Daland dem Holländer seine Tochter verkauft, ist die Titelfigur kein Global Player, für den Liebe Verhandlungssache ist. Dem Holländer bedeutet Geld nichts. Er sucht Rettung und ist eine ganz auf sich bezogene, egoistische Figur, vielleicht wirklich eine Künstlerfigur. Ob er Senta irgendwie lieben kann, bleibt offen. Senta ist eine in ihrer instinktiven Ablehnung des spießigen Kleinstadtlebens und der Werte des Vaters konsequente Grenzüberschreiterin. Sie will raus aus der kleinbürgerlichen Langeweile und geht konsequent ihren Weg.

Phantasie als Rettung
In beiden Figuren, da sind sich Dramaturg und Regisseur einig, ist viel Wagner drin, vieles, was ihn biographisch in der Entstehungszeit der Oper umgetrieben hat: ziellose Fluchten vor Gläubigern, Fehlversuche, seine Werke unterzubringen, immer wieder fliehen, immer neue Anläufe. Die Selbststilisierung zum Erlöser (und gleichzeitig zum erlösungbedürftigen Helden) hat Wagner mit seiner Hauptfigur gemein. Aber auch die existenzielle Grundsituation des Holländers sollte man nicht unterschlagen, so Jakob Peters-Messer. Was bedeutet es, „unsterblich“ zu sein, nicht sterben zu können, sich den Tod wünschen zu müssen? Das stellt dann wieder ganz grundsätzliche Fragen nach dem, was der Mensch ist.

Sturm und Drang durchziehen die Musik von der ersten bis zur letzten Note. Da explodiert etwas. Die zentralen Themen Sehen, Wahrgenommen-Werden, Blicke, Reflektionen und Schatten im doppelten Sinn, also Bühnenrealität und psychologische Realität, werden auch durch die von Guido Petzold gestaltete Bühne aufgenommen. „Diese Oper ist und bleibt eine Geistergeschichte. Mir war wichtig, das Stück ganz aus sich heraus zu entwickeln und quasi aus dem Nichts entstehen zu lassen“, sagt der Regisseur. Anstelle eines klassischen Bühnenbildes setzt er dabei auf eine Art Raum-Theater. Die Bühne ist leer und schwarz. Die Magie macht das Licht. Es gibt Lichtobjekte wie das gigantische Segel des Holländerschiffs, das aus dem Dunkel auftaucht und verschwindet. Oder das Bild des Holländers, das hier nicht mehr ist als ein leeres Lichtfeld, das Senta mit ihrer Phantasie füllt. Ansonsten wird die Geschichte mit den Mitteln der Bühne erzählt. „Der Bühnenboden wird zu Schiffsplanken, die Seilzüge zu Tauen. Das Theater als Ort für Imagination. Den Rest überlassen wir dem Publikum.“

„Der fliegende Holländer“ von Richard Wagner I R: Jakob Peters-Messer I So 18.9. 18 Uhr (P), Do 22.9. 19.30 Uhr, So 25.9. 18 Uhr I 0202 569 44 44

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