Deutschlands Beitrag zur Weltliteratur, das sind noch vor Goethe, Schiller, Heine oder Thomas Mann die „Kinder und Hausmärchen“ der Brüder Jakob und Wilhelm Grimm. Vor 200 Jahren erschien der erste Band ihrer Sammlung, deren Geschichten rund um den Erdball von Generation zu Generation weitergegeben wurden und mit ihren Gestalten und Bildern in den archaischen Erfahrungsschatz der Menschheitsgeschichte eingegangen sind. Lange hat man sich die beiden als emsige Literaturwissenschaftler vorgestellt, die mit dem Block in der Hand durchs Land zogen und den Menschen auf dem Feld oder in der guten Stube lauschten und jedes Wort aus deren Mund aufmerksam dokumentierten.
Sie selbst haben als überzeugte Romantiker diesen Mythos der „urdeutschen“ Volksdichtung genährt, indem sie den Eindruck erweckten, als hätten ihnen neben der durch sie berühmt gewordenen Dorothea Viehmann zumeist ältere Frauen am Herd die Geschichten von „Rotkäppchen“, „Frau Holle“ oder dem „Eisenhans“ erzählt. Jetzt präsentiert der Wuppertaler Germanist Heinz Rölleke in der Anderen Bibliothek den Band „Es war einmal …“ mit dem provokanten Untertitel „Die wahren Märchen der Brüder Grimm und wer sie ihnen erzählte“. Und das waren offenbar keine Anwärterinnen auf den Titel der bösesten Stiefmutter im ganzen Land, sondern zumeist junge Töchter bürgerlicher Familien aus dem Freundeskreis der Grimms, die obendrein noch ziemlich hübsch gewesen sein müssen, wie die paraphrasierten Illustrationen von Albert Schindehütte verraten. Er hat die Porträts der Märchenzuträger und die Illustrationen des „Malerbruders“ Ludwig Emil Grimm schwungvoll bearbeitet, erfrischende Verve und Zügellosigkeit gehen da bruchlos ineinander über.
Jakob und Wilhelm Grimm publizierten die Namen der sie mitunter glühend bewundernden Damen nicht und sie nahmen es auch nicht so genau mit der Stoffsammlung. Über Zweite und Dritte ließ man sich informieren, ohne dass sie selbst sich zu größeren Reisen bequemten oder präzise Notizen angelegt hätten. Man erzählte sich vielmehr zu Hause im geselligen Salonkreis vom gefundenen Material. Rölleke versucht die Zuträgerinnen wie Dortchen Wild, Jeanette Hassenpfug, Ludowine von Haxhausen und manch andere begeistert am Märchenprojekt beteiligte Dame aus dem Schatten zu holen. Neben jeder Porträtskizze gibt es einen Text mit biographischen Details und den Märchen, die der jeweiligen der Sammlerinnen zugeordnet werden können.
Auch wenn die wissenschaftliche Leistung der Brüder eher bescheiden gewesen sein mag, umso beeindruckter darf man von ihrer Autorenschaft sein. Sie haben mit Finesse Dramatik, Atmosphäre und motivische Bezüge geknüpft und sie vermochten die psychologische Tiefe der Märchenstoffe ans Licht zu bringen. Neben dem in seinen Hintergrundinformationen faszinierend zu lesenden Prachtband von Rölleke und Schindehütte bereitet es deshalb Vergnügen, in Nikolaus Heidelbachs „Märchen der Brüder Grimm“ zu schauen. Weil Heidelbach in seiner Auswahl dem ruppigen Charme der frühen Texte von 1812 auch die eleganten späteren Überarbeitungen an die Seite stellt. Außerdem gehört die Präzision seiner Zeichnungen zum Besten, was in den letzten Jahrzehnten im Bereich der Illustration in Deutschland erschienen ist.
Günter Jürgensmeier wartet mit einer vollständigen Ausgabe von „Grimms Märchen“ auf, und die enthält darüber hinaus auch noch ein umfangreiches Märchenlexikon im Anhang. Illustriert wurde sie von der Holländerin Charlotte Dematons, einer außergewöhnlichen Zeichnerin, die sich großartig auf charaktervolle Gesichter versteht, nur verliert sie sich in diesem Märchenkompendium in süßlich gefärbter Kleinteiligkeit. Auf einen Realismus, der Kälte, Hunger und Erschöpfung der Kinder vorstellbar macht, setzt Markus Lefrancois in seiner Illustration von „Hänsel und Gretel“. Wer glaubt, dass die Märchenwelt keinen Bezug mehr zu unserer Gegenwart besäße, soll sich einmal vorstellen, wie sich ein Kind fühlen mag, das morgens zum ersten Mal im Kindergarten abgegeben wird. Einsamkeit und das Gefühl, mit den Eltern den inneren Kompass verloren zu haben, sind menschliche Gefühlssituationen, die nie an Aktualität verlieren werden.
Begeistert man sich für die Dramatik und den großen emotionalen Schwung, der in den Grimmschen Texten enthalten ist, so bietet Lorenzo Mattotti „Hänsel und Gretel“ als schwindelerregende Sinfonie in Schwarzweiß. Mattotti gibt der psychologischen Seite des Märchens Ausdruck, indem er die innere Bewegung der Kinder mutig ins Bild setzt. Die oftmals verschmähten Jubiläumsanlässe, hier sieht man, wie nützlich sie sein können, um wieder jene Neugierde in sich zu entfachen, mit der man das Universum der Grimmschen Märchen als Erwachsener noch einmal mit frischem Blick für sich entdecken kann.
Es war einmal... , hrsg. Von Heinz Rölleke | Illu. Albert Schindehütte | Die andere Bibliothek | 440 S.
Nikolaus Heidelbach: Märchen der Brüder Grimm | Beltz & Gelberg | 384 S.
Grimms Märchen, hrsg Günter Jürgensmeier | Illu. Charlotte Dematons | Sauerländer Verlag, 560 S.
Markus Lefrancois: Hänsel und Gretel | Philipp Reclam jun. | 32 S. | 16,95 €
Lorenzo Mattotti: Hänsel und Gretel | Carlsen Verlag | 32 S. | 19,90 €
Der Dreck einer echten Heldin
A.M. Holmes und ihr Skandalbuch: Das Ende von Alice - Textwelten in NRW 05/12
14 Pfund Hack sind kein gutes Verlobungsgeschenk
Sebastian23 zählt an: Zwanzig - die Video-Kolumne - Poetry 05/12
Ein Liebespaar rauscht durch die Galaxie
Mark Z. Danielewski bietet ein kühnes Prosa-Experiment - Literatur in NRW 04/12
Die Süße der Äpfel
„Winesburg, Ohio“ in zwei großartigen Übersetzungen - Literatur in NRW 04/12
Arme amputieren und Brüste anstarren
Sebastian23 zählt an: Neunzehn - die Video-Kolumne - Poetry 04/12
Alle Tiere im Zoo sind nackte Agnostiker
Sebastian23 zählt an: Achtzehn – die Video-Kolumne - Poetry 03/12
Was ist das Böse?
Wo die Dokumente über den Holocaust versiegen, beginnt die Literatur – Textwelten 03/12
Die Vergangenheit ist nie vorbei
Julian Barnes erhält den Booker Prize – Literatur in NRW 02/12
Gevatter Kot hat einen neuen Namen
Sebastian23 zählt an: Siebzehn – die Video-Kolumne - Poetry 02/12
Schmackhafter Köder
Wie die junge Amerikanerin Elif Batuman Appetit auf Russische Literatur macht – Literatur 01/12
Schwule Rehe, die obenrum feucht sind
Sebastian23 zählt an: Sechzehn – die Video-Kolumne – Poetry 01/12
Literarische Superlative
lit.COLOGNE erwartet an die hunderttausend Besucher – Literatur in NRW 12/11
Ein Zimmer in der Stadt
Wo ist die Stadt? Gedanken von Vera Pestel – Literatur in NRW 12/11
Paarungsriten von Rentnerinnen und Aliens
Sebastian23 zählt an: Fünfzehn – die Video-Kolumne – Poetry 12/11
Gefühle zwischen Worten
Bilderbücher enthalten visuelle Schätze – Textwelten 12/11
Geisel der Mutter
Angelika Klüssendorf mit wuchtiger Kindergeschichte – Literatur in NRW 11/11
Mehr als ein Western
Pete Dexters pralles Romaninferno – Literatur in NRW 10/11
Hinter jedem Biber ein bisexueller Bär
Sebastian23 zählt an: Vierzehn – die Video-Kolumne –Poetry 11/11
Die Welt als delikate Speise
Der Amerikaner Eliot Weinberger schreibt faszinierende Essays – Literatur in NRW 10/11
Guter Sex – gute Ehefrau
Charlotte Roches Roman „Schoßgebete“ – Literatur in NRW 10/11
Scherben einer Liebe
Barbara Honigmanns faszinierende „Bilder von A.“ – Literatur in NRW 10/11
Schönes Monstrum
Navid Kermani stellt seinen 1200-seitigen Roman vor – Literatur in NRW 10/11
Der Superpapst ist NRW-Meister
Andy Strauß gewinnt den NRW Slam 2011 im Kölner Gloria Theater – Literatur in NRW 10/11
Frauen, die im Stehen auf Delfine pinkeln
Sebastian23 zählt an: Dreizehn – die Video-Kolumne - Poetry 10/11
Buchstabensuppe mit Betäubungsmitteln
Der PoesiePalastRuhr präsentiert vom 28.9.-18.11. Ausnahme-Lyrik in fünf Städten des Ruhrgebiets - Literatur in NRW 09/11
Im Eis das Fürchten lernen
Jo Lendle stellt Roman über Polarforscher vor – Literatur in NRW 09/11
Die schönen und dunklen Seiten der Belle Epoque
In seinem Roman „Der Hase mit den Bernsteinaugen“ zeichnet der Autor Edmund de Waal eindrucksvoll das Europa des 19. Jahrhunderts nach – Literatur in NRW 09/11
Poetry Slammer pilgern zum Dom
Der NRW Slam 2011 in Köln verspricht einen literarischen Schlagabtausch der besten Poetry Slammer des Bundeslands. engels gibt einen Überblick über Programm und Poeten – Literatur in NRW 09/11
Der Romancier-Express
Die erste Spezialausgabe der lit.Cologne zur Buchmesse - Literatur in NRW 09/11
„Kultur geht niemals verloren, Kultur verändert sich nur“
Sebastian 23 über Poetry Slam, Rebellentum, Literatur und kulturelle Veränderungen - Literatur in NRW 09/11
Die Liebe gegen den Tod
Erwin Kochs neues Buch „Was das Leben mit der Liebe macht“ – Literatur in NRW 08/11
Keine Wikinger im Schwarzwald
Islands Sagas neu und frisch erzählt - Textwelten 09/11