Nach Mario Merz, Chillida und Chamberlain nun Richard Long. Der Skulpturenpark Waldfrieden setzt seine Ausstellungen skulpturaler Positionen des 20. Jahrhunderts auf konstant hohem Niveau fort: mit Werken, die erst recht mit dem Ambiente des Waldes, des Parks mit Blick auf Wuppertal korrespondieren. Richard Long ist ein Hauptvertreter der Land Art, die – vor allem seit den 1960er Jahren und besonders mit amerikanischen und britischen Künstlern – draußen in der Natur stattfindet. Die Kunst ist dieser entnommen, mit dieser realisiert. Sie fügt sich in sie ein und ist oft nicht auf Anhieb zu erkennen. Für Long gehört dazu das Erleben von Landschaft.
Richard Long wurde 1945 in Bristol geboren, er hat dort und an der berühmten St. Martin’s School in London studiert. Schon währenddessen entstehen die ersten auf die Natur bezogenen Arbeiten, die noch für heute charakteristisch sind. Dazu zählt „A Line made by Walking“ (1967), das s/w-Foto einer Wiese mit einer hellen schnurgeraden Linie, die sich durch das Betreten und Schreiten gebildet hat. Mehr nicht, aber das – zumal in der damaligen Zeit ein subversiver, radikaler Akt: Kunst ist eine Handlung, deren Spuren verschwinden.
Bis heute, Richard Long wandert tage-, wochenlang durch menschenleeres, unberührtes Gelände. Die Gegenden befinden sich u.a. in Algerien, Island, Peru, Malawi, den USA, immer wieder in Indien, sowieso in England und Schottland. „Meine Kunst liegt in der Natur der Dinge“, hat Richard Long 1986 zur Ausstellung im Guggenheim- Museum in New York geschrieben. Die Erscheinungsweisen von Natur bilden die Grundlage der Skulpturen, die er in der freien Natur mit den dortigen Materialien – mit Steinen, Treibhölzern, Torf oder Erde – von Hand aufbaut. Mit ihrer Konzentration auf Kreise, Scheiben, langgestreckte Felder und Linien wirken sie archaisch und elementar und erinnern an rituelle Plätze, die Ureinwohner hinterlassen haben. Sie sind Wegmarkierungen und Energiezentren und werden anschließend dem Verfall überlassen. Aber sie sind schon Hinweise auf die Gestaltung durch den Menschen.
In Wuppertal nicht ausgestellt sind die riesigen Kreise aus Schlamm, die Richard Long mitunter an Ausstellungswänden aufbringt und die sich nach außen hin ausdehnen und darin an eine Sonne oder ihre Korona denken lassen. Exakt gezogen vermitteln sie doch den handschriftlichen Impuls und wirken wie hingeworfen und vorübergehend. Derartige Aspekte schwingen ohnehin immer in der Kunst von Long mit: das Vergehen von Zeit, die Endlichkeit des Lebens, erst recht in der Weite der Natur. Richard Long, der längst ein „Klassiker“ mit Ausstellungen auf der ganzen Welt ist und mit dem Turner- und dem Lehmbruck-Preis und dem Premio Imperale ausgezeichnet wurde, „bewahrt“ seine Wanderungen und seine Skulpturen als Fotografien mit sachlich dokumentierenden Textzeilen. Er bringt sich in das Kunstgeschehen also mit seinem Konzept und mit den Prozessen selbst ein, mit der sinnlich erfahrbaren Wandmalerei und eben mit konkreter Skulptur: vielteilig, nach den Gesetzen der Schwerkraft in Form gesetzt zu Füßen des Betrachters und auch im Innenraum ausgestellt. Im Pavillon des Skulpturenparks Waldfrieden ist nun der „Zugspitz Circle“ zu sehen, ein breiter Ring, der das Innenfeld unberührbar umfasst und seinerseits über eine vibrierende weiße Oberfläche verfügt. – Tony Cragg hatte ja schon bei Eröffnung von Waldfrieden vor eineinhalb Jahren angekündigt, dass er nicht gerade das ausstellen will, wofür seine eigenen Plastiken stehen. Aber umso mehr ermöglichen die zeitweilig gezeigten Skulpturen eine neue Perspektive auf das jeweils andere Werk: zwei Künstler auf Augenhöhe.
Richard Long – Skulpturen
bis 18.4. im Skulpturenpark Waldfrieden
www.skulpturenpark-waldfrieden.de
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