Gustav Wiethüchter hatte allen Grund, mit dem Schicksal zu hadern. Um seine Bilder vor den Fliegerangriffen im Zweiten Weltkrieg zu schützen, hatte er sie gleich auf drei Orte in Wuppertal, Bielefeld und Kassel verteilt. Aber während sein Wohnhaus in Barmen weitgehend verschont blieb, wurden alle drei Lager zerstört. So kommt es, dass nicht ein einziges spätes Gemälde überliefert ist. Und da er selbst seine frühen Werke vernichtet bzw. übermalt hat, beschränkt sich unser Wissen im Wesentlichen auf die Zeit zwischen 1913 und 1938. Bei ihm ist es besonders bedauerlich, dass wir das Davor und das Danach nicht kennen.
Gustav Wiethüchter war ein handwerklich hervorragender Maler, der mit Farben und Techniken experimentierte und etwa Bernsteinlack mit den Farbpigmenten mischte. Und er malte realistisch auf der Höhe seiner Zeit und ließ sich dabei von den aktuellen malerischen Stilen beeinflussen, die sich in rascher Folge in seinen Bildern widerspiegelten. Wahrscheinlich war er als Lehrer, der auf zeichnerisches und malerisches Können achtete, dafür besonders anfällig.
Gustav Wiethüchter, der 1873 in Bielefeld geboren wurde und in Berlin studiert hatte, unterrichtete seit 1900 an der Handwerker- und Kunstgewerbeschule in Barmen, zunächst als Lehrer für Ornament- und Pflanzenzeichnen, ab 1915 dann als Professor. Sein Einfluss auf die Künstler im Bergischen Land muss enorm gewesen sein; als sein bekanntester Schüler gilt Jankel Adler. 1933, nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten, beendete er seine Lehrtätigkeit, 1936 waren das letzte Mal Bilder von ihm auf einer Ausstellung zu sehen. Für das veränderte kulturelle Klima war Wiethüchter wohl zu sehr an den internationalen Stilen orientiert, besonders denen in Frankreich, wohin es ihn seit 1901 immer wieder gezogen hatte. Zwischen 1935 und 1939 kamen längere Aufenthalte bei seiner Tochter in der Schweiz hinzu, wo er etliche seiner bildnerischen Motive fand.
Die Moderne in den Bildern
Dabei ist er in dem, was er malt, ausgesprochen konventionell. Er interessiert sich nicht für die Großstadt oder zeitgeistige Sujets. Vielmehr zeigt er vor allem ländliche Szenen, Menschen beim Arbeiten in der Natur, abgeschiedene Häuser in der Landschaft und bäuerliche Interieurs und Blumenstillleben. Zu seinen frühen Einflüssen gehören Hans Thoma und Ferdinand Hodler; später wird ihm das Werk von Bonnard wichtig (das ja vor kurzem im Von der Heydt-Museum zu sehen war), der ähnlich wie dann Wiethüchter die industrielle und urbane Welt aus seinen Bildern ferngehalten hat. Stilistisch berührt Wiethüchter zunächst Jugendstil und Symbolismus und verknüpft anschließend den Expressionismus mit dem Kubismus, um dann eine fast impressionistische Perspektive einzunehmen. Man muss genau hinschauen, um das „Besondere“ dieser Bilder wahrzunehmen. Es zeigt sich darin, wie er mit Farbe umgeht, die sich wie ein Aquarell im Bild ergießt, und wie er die Figuren, die anfänglich geradezu klobig wirken, im Bildfeld integriert. Dazu gehört weiterhin, dass er die Blumen dominant wie ein Porträt platziert und im Exterieur einen weiten Landschaftsraum mit Häusern in der Ferne schafft: Malen konnte Wiethüchter. Ab 1908 ist er mit seinen Bildern in Ausstellungen in ganz Deutschland vertreten – im Kunstverein in Barmen sowieso immer wieder – und gehört zeitweilig mit zu den wichtigen deutschen Malern der zweiten Generation des Expressionismus.
Trotzdem ist er, als er 1946 in Elberfeld stirbt, als Künstler schon fast vergessen. Eine erste Gedächtnisausstellung veranstaltet der Kunst- und Museumsverein 1947 im Städtischen Museum, weitere folgen. Anlass der aktuellen, von Herbert Pogt kuratierten und recht eng gehängten Schau ist die jüngste, umfangreiche Übergabe von Bildern aus dem Nachlass an den Kunst- und Museumsverein. Aber darüber hinaus: Zuletzt waren Wiethüchters Bilder 2001 ausgestellt, und es ist gut, sie in Wuppertal wieder zu sehen, dazu noch mit Malereien seiner Schüler aus dem Bestand des Von der Heydt-Museums kombiniert. Dort ist Gustav Wiethüchter jetzt mehr denn je zuhause.
Gustav Wiethüchter, bis 26.6. | Von der Heydt-Museum, Turmhof 8, 42103 Wuppertal | 0202 563 25 00
Tags: Von der Heydt-Museum
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