Es rattert und rasselt: Mit der Ausstellung von drei Skulpturen von Jean Tinguely im Skulpturenpark Waldfrieden zieht Wuppertal zeitweilig an Duisburg vorbei. Dort war bis vor kurzem eine Skulptur des Schweizer Künstlers zu sehen, bei Tag und Nacht im Wilhelm Lehmbruck Museum. Ein bisschen erinnerte dieses „Märchenrelief“ aus dem Jahr 1978 nun an die „Dernière Collaboration avec Yves Klein“ (1988) in Wuppertal. Durch die Fensterfront des Pavillons im Skulpturenpark ein skurriles Regal-Lager erweist sich die kolossale Maschinenskulptur bei nahem als kurioses Zueinander von Eisenteilen und unterschiedlichen Fundstücken, Hölzern, verbunden über Riemen und Räder: eine ebenso „blöde“ wie hinreißend heitere Arbeit und charakteristisch auch für alles andere von Tinguely. Die Konstruktionen wirken provisorisch und labil, als könnten sie gleich auseinanderfallen. Die Einzelteile aus Trödel und Schrott versinnbildlichen noch ein Recycling vor den Zeiten des Recycelns.
Dabei funktionieren die großen raumgreifenden Skulpturen nach den Regeln des geordneten Chaos, an denen Jean Tinguely schon früh gefeilt hat. Geboren 1925 in Fribourg, aufgewachsen in Basel arbeitete er zunächst als Dekorateur, ehe er mit seiner ersten Frau Eva Aeppli nach Paris übersiedelte und ganz in die Kunst wechselte. Er lernte Yves Klein kennen, mit dem er auch zusammenarbeitete; schon davor, 1954, sind erste Reliefs mit beweglichen Partien entstanden. Motive für Tinguely waren die allgegenwärtige Technisierung und der Geschwindigkeitsrausch in Zeiten der Dampfeisenbahn. Selbst war er fasziniert von Autorennen, auch wenn seine eigenen Maschinen gegen alle Logik der Effektivität funktionieren. 1959 warf er das Manifest „Für Statik“ aus einem Flugzeug über Düsseldorf ab. Und seine Skulpturen sind destruktiv. Sie quietschen, eiern und haben sich in theatralischen Aktionen sogar selbst zerstört.
Damit befand sich Tinguely mitten in der künstlerischen Avantgarde der damaligen Zeit, als einer der Pioniere der kinetischen („beweglichen“) Kunst und im Kontext der fortschrittlichen „Zero“-Künstler, aber auch als Mitbegründer der Gruppe Nouveaux Réalistes 1960 in Paris, u.a. mit Yves Klein und seiner künftigen Frau Niki de Saint-Phalle, mit der er später etliche Arbeiten realisiert hat. Die Nouveaux Réalistes überführten Dinge des Alltags in Kunst. Tinguely nun kombinierte sozusagen primitive, nicht-verkleidete Elektromotoren, geschmiedete Eisenteile und Fundstücke aus dem Krämerladen zu wundersamen Organismen. Seine Maschinen-Skulpturen können malen. Oder sie machen Lärm, zerschlagen Porzellan, qualmen oder laufen einfach leer, mit einer Vergeblichkeit, die ihnen einen einzigartigen Charakter verleiht: Vor unseren Augen spielen sie ihr Spiel und entfachen ihren Furor. Es sind im Grunde Metaphern und Allegorien für unser eigenes Leben ... Tinguelys vielleicht bekannteste und schönste öffentliche Skulptur ist der „Fastnachtsbrunnen“ (1977) in Basel, bestehend aus mehreren filigranen Apparaturen mit einzelnen Vorgängen, die als Kettenreaktion gemächlich ineinandergreifen, wobei unterschiedliche Assoziationen zwischen Karneval der Tiere und Totentanz aufgeworfen werden.
Neben diesen großen Inszenierungen gibt es auch Werkgruppen sehr reduzierter Arbeiten, die aus wenigen Gliedern um eine zentrale Aktion bestehen und doch auch jetzt wesenhafte Züge tragen. Tinguely hat derartige Arbeiten mitunter nach Zeitgenossen und Vorbildern etwa aus der Philosophie benannt. So entstanden sehr liebevolle und bittersüße Portraits mit einmal mehr, einmal weniger funktionierenden störrischen Gesellen. An manchen kann man sich nicht satt sehen, obwohl es doch so einfach ist, die Einzelteile in ihrer Funktion erkennbar bleiben und es mittlerweile in unserem digitalen Zeitalter schmerzt: So grandios sind diese Arbeiten mit dem nostalgischen Charme lahmer Enten.
Gut also, dass auch Wuppertal vorübergehend etwas davon abbekommt. Im Skulpturenpark Waldfrieden sind neben der größeren Skulptur, welche Yves Klein gewidmet ist, auch zwei verknappte Arbeiten aus einer der letzten Werkgruppen von Tinguely, der 1991 in Bern gestorben ist, zu sehen. Diese Skulpturen sind auf eine Handlung hin verdichtet. Martin Heidegger scheint hier der Sensenmann und Friedrich Engels, Wuppertals berühmter Sohn, der Ackermann, der Furchen im Feld zieht –, oder ist es nicht ganz anders?
Jean Tinguely – Skulpturen
bis 12. Dezember im Skulpturenpark Waldfrieden in Wuppertal
www.skulpturenpark-waldfrieden.de
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