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Surreale Landkarten

ComicKultur 05/11

Irgendwie dazwischen“ von Tracy White erzählt „eine zu 99 Prozent wahre Lebensgeschichte“. Es liegt nicht allzu lange zurück, dass White als 17jährige in die Psychatrie eingewiesen wurde. Von ihrem Aufenthalt erzählt sie in zarten, fragilen Zeichnungen, die adäquat ihre gebrechliche Psyche widerspiegeln. Die aggressive, aufbrausende Art der Patientin ist nur ein Schutzmantel, den sie im Laufe der Therapie aufbricht. Ein bedrückender, intimer Bericht, der auch Auszüge aus der Patientenakte in die Geschichte einbaut (Walde + Graf). Eine Comic-Adaption von Erzählungen der Autorin Brigitte Kronauer ist insofern naheliegend, da die Formulierungskunst der Autorin schon des öfteren mit Bildern und Gemälden verglichen wurde. Sascha Hommer hat für „Dri Chinisin“ sechs ihrer Erzählungen ausgewählt und in schematischen Zeichnungen, die grobe Rasterfolie verarbeiten, in Wort und Bild nacherzählt (Reprodukt).

Lewis Trondheim widmet sich mit „Fennek“ der Abteilung Tierfabel. Illustriert von Yoann, begleiten wir den jungen Wüstenfuchs bei seinen Abenteuern. Das niedliche Tierchen entpuppt sich alsbald als ziemlich linkischer Kerl, der stets um seinen Vorteil bemüht ist. Eine unterhaltsame Geschichte à la Disney, die allerdings deren Moralvorstellungen rabiat auf den Kopf stellt (Reprodukt). Nicolas Juncker hat sich an Alexandre Dumas' Roman „Die drei Musketiere“ gewagt. Leicht trottelig kommt der Jungspund D'Artagnan nach Paris und will Musketier werden. Gleich am ersten Tag halst er sich drei Duelle auf, die er aber nicht nur lebend übersteht, sondern dank derer er seine zukünftigen Freunde Aramis, Porthos und Athos kennenlernt. Junckers Comicversion erzählt auf über 250 Seiten komisch und erdig von den Abenteuern des jungen D'Artagnan und seinen Freunden (Carlsen). Auch Seymour Ghwast nimmt sich mit Dantes „Göttliche Komödie“ einen echten Klassiker der Weltliteratur vor: Ghwast hält sich keineswegs akribisch an die Textvorlage. Seine Adaption fungiert eher als bildhafte Nacherzählung, die die Schlüsselmomente textlich frei widergibt – ohne die Reimform der Vorlage. Die Bilder haben die Funktion einer surrealen Landkarte, durch die sich die Protagonisten – im Kleidungsstil erheblich modernisiert – von der Hölle über das Fegefeuer zum Paradies bewegen. Ghwast sprengt häufig die Panels und tobt sich mit seinen groben Schwarzweißzeichnungen ganzseitig aus (Knesebeck). Das Gegenteil des ausladenden Surrealismus der „Göttlichen Komödie“ präsentiert uns Leopold Maurer mit seiner neuen Geschichte „Mann am Mars“, doch auch hier regiert das Absurde: Ein Astronaut betritt zusammen mit einer Schildkröte den Mars und soll forschen. Was, bleibt recht vage, doch schon bald ist er mit Gott und außerirdischem Leben konfrontiert. Das Szenario ist minimalistisch, der Tonfall lakonisch, wie man es von Maurers ebenfalls topografischem Forschercomic „Miller & Pynchon“ kennt (Luftschacht).

Am 7.5. findet von 10 – 17 Uhr in der Mülheimer Stadthalle die 69. Intercomic statt. Auf der einzigen Kölner Fachmesse für Comics werden neben einem riesigen Angebot an antiquarischen Comics auch wieder zahlreiche Zeichner für Signierstunden zur Verfügung stehen. Eine Woche später, am 14.5., findet der zweite deutsche Gratis Comic Tag statt, an dem Sonderhefte verteilt werden. In Köln machen die Buchhandlung Ludwig im Hauptbahnhof, das Pin Up in der Nordstadt, der Fantastic Store in der Südstadt und Djinn Cafe & Comic in Ehrenfeld mit.

CHRISTIAN MEYER

Tags: ComicKultur

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