Es ist sein 35. Programm und wie jedes davor, sein bestes. „Der Richling Code“ ist „mein spezielles satirisches Verfahren, die Rätsel, die uns die Politik aufgibt, zu entschlüsseln. Satire ist also zunächst einmal Entschlüsselung von Fakten, die dann aber wieder sprachlich so weit verschlüsselt werden, dass es möglichst erkenntnisreich und vor allem auch lustig ist.“ So weit der Meister selbst.
„Der Richling Code“ war also fällig. Beispielsweise, weil „die Bundespolitik ebenso geheimnisvoll und spannend ist wie der besagte Thriller. Die Tatsache, dass ein Gutmensch wie unser ehemaliger Verteidigungsminister sich immer mehr Blößen gibt, indem er die Veröffentlichung des Untersuchungsergebnisses der Uni Bayreuth verhindern möchte, ist nur ein Beispiel von dramatischer Entwicklung. Gerüchte besagen, dass zu Guttenberg mit der Stoiber-Tochter eine Arbeitsgemeinschaft für das mühelose Verfassen von Doktorarbeiten bilden möchte.“ In seinem Programm versammeln sich die Jünger (und Jüngerinnen) der Bundeskanzlerin zum Gedankenaustausch an einem langen Konferenztisch, der nicht von ungefähr an Da Vincis berühmtes Gemälde erinnert. Wie sich die Sache bildhaft steigert, das Bühnenbild von Regisseur Günter Verdin also in Wechselbeziehung mit den agierenden Personen (von Guido Westerwelle, Helmut Schmidt, über Ronald Pofalla bis zu Rainer Brüderle und viele andere mehr) tritt, dürfte genauen Beobachtern sicher auffallen.
Hohe Unterhaltungskunst
In rund 20 Rollen schlüpft der studierte Germanist und Schauspieler, um in dieser Mischung aus unschuldiger Sorglosigkeit, bubenhaftem Charme und schneidender Schärfe die Dinge des Lebens, bevorzugt den politischen Alltag, zu sezieren. Es sind Sätze wie Peitschenhiebe und immer wenn es scheint, als zeichne sich ein Lichtstreif am Horizont ab, ist das doch bloß Trug. Denn das Lachen bleibt im Halse stecken, wobei das bei Kabarett ja nicht schlecht ist, wenn man etwas zu beißen hat. Die große Kunst des Mathias Richling besteht neben der themen- und punktgenauen Textfindung vielleicht auch darin, zwar frech und unerschrocken zu sein, aber weder respekt- noch hemmungslos. Kritiker werfen dem gebürtigen Schwaben, der nie mit etwas anderem als seiner Kunst Geld verdient hat, vor, er bringe zu viel fahrige Albernheit ins Spiel. Seine Fans hingegen lieben den Schnellsprecher gerade dafür, so anscheinend mäandernd ein Thema zu umkreisen, um dann mit der Pointe eine Punktlandung zu erzielen.
Improvisierte Witzgeschosse
Wie jedes seiner Programme entstand auch dieses nach intensiver Textarbeit als Vorbereitung zu den Bühnenproben. Für den Vielarbeiter („Ich bin nicht der geeignete Mann, um Entspannungstipps zu geben; sorry.“), für den bei Intoleranz und Borniertheit jedweder Spaß aufhört, bedeutet das, umfassendes Textmaterial von gut 500 Seiten auf Aktualität und Wirkung zu prüfen. Dabei entsteht, in Zusammenarbeit mit Günter Verdin, eine Dramaturgie, die das Gerüst für die Bilderfindungen bildet. „Wir meinen nämlich, dass Kabarett die Spielform von Satire ist, deswegen gibt es bei uns eine Umsetzung von Inhalten, die sehr viel mit Schauspiel und Theater überhaupt zu tun hat.“ Allerdings ist das „bloß“ ein dramaturgisches Grundgerüst. „Meine Programme sind sozusagen „work in progress“: Wie beim Jazz wird kräftig improvisiert und aktualisiert. Da kommt es schon vor, dass ich fünf Minuten vor Vorstellungsbeginn noch umschreibe.“
„Natürlich sind die neuen Medien eine große Hilfe, weil sich doch ziemlich viel ergoogeln lässt, wovon so mancher Doktorand wohl ein Lied zu singen weiß.“ Allerdings eignet sich nicht alles und jeder zur Verwertung. „Manche Politiker sind so farblos, dass einem das Lachen vergeht. Die großen Charakterköpfe wie Wehner oder auch F. J. Strauß werden rar. Eine meiner Lieblingsfiguren ist aber Helmut Schmidt. Für ihn hebe ich in meinem Programm kurzfristig sogar das Rauchverbot auf.“ Auch Diktatoren, das wisse man spätestens seit Charlie Chaplin, sind durchaus Lachnummern. „Muammar al-Gaddafi zum Beispiel ist schon eine Parodie seiner selbst. Es wäre eine Gratwanderung, ihn zu karikieren, weil eine Parodie ja immer auch eine liebevolle Auseinandersetzung mit der betreffenden Person ist. Es fällt mir schwer, al-Gaddafi zu lieben.“
Hoffnungsfroh hingegen stimmt ihn das jüngst hin erzielte Wahlergebnis im Ländle, „hoffnungsfroh in dem Sinne, dass zum Beispiel der Bahnhof im Dorf gelassen wird und die Kernkraftlobby kräftigen ökologischen Gegenwind spüren möge.“
Die Ideen gehen dem Mann also nicht aus. Das ist wundervoll. Und zur Schwebebahnstadt hat er ein durchaus inniges Verhältnis. Gefragt, was ihm Applaus bedeutet, antwortet er: „Eine Bühnenproduktion hat durch die Wechselwirkung zwischen Interpret und Zuschauer eine unheimliche Magie. Und dieses Wechselspiel funktioniert, meine ich, ganz besonders gut in Wuppertal.“
Mathias Richling – „Der Richling Code“ | Opernhaus Wuppertal | So 1.5. 20 Uhr (P) I 0202 569 44 44
Weitere Termine: Di 10.5. Seidenweberhaus Krefeld, Do 12.5. RuhrCongress Bochum
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