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Vibrierende Zeichnungen

ComicKultur 02/11

Vibrierende Zeichnungen

Bastien Vivés unternimmt mit „In meinen Augen“ den Versuch eines Comics aus subjektiver Perspektive. Das ist visuell zu verstehen – analog zur subjektiven Kamera im Film. Man sieht also nie den Erzähler, sondern immer nur, was der Erzähler sieht. Der lernt eine Frau kennen und ist schnell von ihrer Ausstrahlung fasziniert. Es entwickelt sich eine kleine Romanze. Vivés gelingt nicht nur das Formexperiment, er weiß auch mit seiner zarten Liebesgeschichte voller Andeutungen emotional zu überzeugen (Reprodukt).

Bereits vor zehn Jahren erschien „David Boring“ vom „Ghost World“-Autor Daniel Clowes. Jetzt gibt es endlich eine deutsche Übersetzung der ausufernden Geschichte um den Titelhelden, der auf der Suche nach einer Frau und seiner eigenen Vergangenheit in allerlei Abenteuer gerissen wird. Die stilisierten Zeichnungen auf Rasterpapier unterstreichen die kühle, surreale Stimmung der virtuos verschachtelten Erzählung.

Im Frühling darf man sich auch auf die Neuauflage von Clowes' nicht weniger verwirrender Story „Ein samtener Handschuh in eisernen Fesseln“ freuen (Reprodukt). Der Franzose Blutch demonstriert mit „Peplum“ ein weiteres Mal seine Vielseitigkeit. „Peplum“ ist eine Odyssee eines jungen Mannes im Römischen Reich, die es in Bezug auf skurrile Figuren, surreale Mystik und drastische Gewaltdarstellung mit Fellinis „Satyricon“ oder Pasolinis „Medea“ durchaus aufnehmen kann. Gezeichnet ist die archaische Reise um Liebe und Besessenheit in groben Schwarzweiß-Bildern. Die letzte Seite bringt den Wandel des Helden noch mal schockierend auf den Punkt (avant-verlag).

Lewis Trondheim erzählt mit „Der Fluch des Regenschirms“ wieder mal aus seinem eigenen Leben. Er tut dies in pointierten Einseitern, die insgesamt jedoch einer Chronologie gehorchen. Privates wie Berufliches vermischt sich galant, von der Gartenarbeit bis zur Verleihung des Großen Preises in Angoulême. Einige Durchhänger hat der Band aber doch (Reprodukt). Das Opus Magnum von Trondheim und seinem Kollegen Joann Sfar ist „Donjon“. Das Fantasyprojekt ist auf mehrere 100 Alben angelegt. Komplettisten besorgen sich eh alles, für Späteinsteiger lohnt vor allem die Sub-Reihe „Donjon Monster“. Die neusten Bände 10 und 11 demonstrieren eindrucksvoll, wie die Zeichnungen bei gleich hoher Qualitität der Stories der beiden Autoren ein breites Spektrum abdecken. „Der Herr der Automaten“ von Stanislav spielt bunt und klar auf, während „Die schöne Mörderin“ von Carlos Nine in groben, biomorphen Formen gar an Francis Bacon erinnert. Beide Stories sind gewohnt irrwitzig und blutrünstig (Reprodukt). Für seine Reihe „Klezmer“ zeichnet Joann Sfar selbst. Im dritten Band „Diebe, alles Diebe!“ gründen unsere musizierenden Helden eine Kommune. Sfar lässt die Protagonisten in diesem Band vor allem einzeln Abenteuer erleben, seine vibrierenden Zeichnungen bestimmen nach wie vor die Atmosphäre. Wie zuvor gibt es Bonusmaterial: Sfar erzählt von seiner Odessa-Reise und verteidigt den Zionismus (avant-verlag).

Das nihilistische „Killer“-Epos von Jacamon & Matz macht mit den Bänden 7 und 8 eine Kehrtwende weg vom Sozialdarwinismus hin zum Moralismus. „Der Killer“ ist längst nicht mehr nur in Gangsterkreisen unterwegs, sondern macht nun im Auftrag von Regierungen unliebsame Kontrahenten unschädlich. Dabei gerät die Philosophie des Protagonisten immer weiter ins Wanken. Die flächigen Zeichnungen überzeugen mit ihren detailreichen Hintergründen (Ehapa).

CHRISTIAN MEYER

Tags: ComicKultur

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