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Jugendstrafvollzug in Ronsdorf
Foto: Francis Lauenau

„Wir sind kein Kuschelknast“

Rupert Koch über die Jugendvollzugsanstalt in Ronsdorf - Thema 10/11

engels: Herr Koch, was unterscheidet die JVA in Wuppertal-Ronsdorf von anderen Jugendgefängnissen?
Rupert Koch: Wir bringen die Jugendlichen in Einzelzellen und in Doppelzellen unter. Von den 510 Haftplätzen sind 430 Einzelhaftplätze. Das ist in anderen Haftanstalten bei weitem noch nicht so. Über die Doppelhafträume sind wir froh, weil einige Gefangene nicht allein bleiben können oder wollen. Wir haben eine breite Palette an Möglichkeiten für sportliche Betätigungen. Wir haben 30 Wohngruppen mit jeweils zehn bis 25 Plätzen. Die Aufteilung in Wohngruppen ist in anderen Haftanstalten oft nicht möglich. In jeder Wohngruppe gibt es zwei Freizeiträume. Wir haben drei Werkhallen mit 18 kleineren Werkräumen zur Verfügung und 17 Schulräume. Wir können also 35 schulische und berufliche Qualifizierungsmaßnahmen parallel laufen lassen. Die Klassenstärke liegt bei zehn Personen, so dass wir 350 Häftlingen diese Maßnahmen anbieten können. Außerdem ist hier, allerdings nun auch in allen anderen Haftanstalten in NRW, der Trennungsgrundsatz von Jugend- und Erwachsenenstrafvollzug verwirklicht. Wir haben hier nur jugendliche Häftlinge. Diese räumlichen Möglichkeiten müssen allerdings noch unterlegt werden mit Personal.

Haben Sie auch ein anderes Konzept als die Anstalten, die vor hundert Jahren gebaut wurden?
Rupert Koch
Foto: JVA Wuppertal Ronsdorf
Rupert Koch (56) ist Leiter der JVA in Wuppertal-Ronsdorf.

Wir sind zumindest besser ausgestattet als der Erwachsenenstrafvollzug. Innerhalb der Fachdienste sind wir gut besetzt, haben 14 Sozialarbeiter, sechs Psychologen und sieben Lehrer, die noch von den externen Lehrern unterstützt werden, und wir bekommen noch drei Diplom-Pädagogen, die im Freizeitbereich tätig sein werden. Dazu kommt natürlich noch das ganze Bewachungspersonal.

Hat sich in den letzten Jahren im Jugendstrafvollzug generell in NRW etwas verändert?
Man hat inzwischen begriffen, dass man bei den jungen Leuten eine Menge investieren muss. Es reicht nicht aus, nur einzusperren. Auch reicht es nicht mehr, nur eine Berufsausbildung anzubieten. Es geht uns auch um eine Änderung des Freizeitverhaltens, um das Erlernen von sozialem Verhalten. Ganz wichtig ist auch, dass die Dinge, die hier begonnen wurden, draußen fortgeführt werden können. Generell haben wir mit unseren Häftlingen nach ihrer Entlassung nichts mehr zu tun. Hier ist auch die Gesellschaft draußen gefordert.

Wer einmal aus dem Blechnapf frisst …
Da sind wir auf einem noch weiten Weg. Unsere Möglichkeiten als Vollzug sind da sehr begrenzt, sobald der Jugendliche die Einrichtung verlassen hat.

Sind Sie nur für die Straftäter hier aus der Region zuständig?
Wir haben vier Jugendstrafanstalten des geschlossenen Vollzuges in NRW und eine des offenen Vollzuges. So haben wir unser Einzugsgebiet im Südwesten des Landes. Das geht runter bis in die Eifel. Auch für die Besucher sind das lange Wege. Wir sind auch nicht gut an das öffentliche Verkehrsnetz angebunden. Viele Inhaftierte haben Partnerinnen und einige auch Kinder. Bei den Verkehrsgesellschaften spielt die Rentabilität eine große Rolle. Um hier einen Bus halten zu lassen, müssen sicherlich fünf Minuten längere Fahrtzeit in Kauf genommen werden. Da muss noch ein dickes Brett gebohrt werden.

Warum werden die Anstalten nun auf die grüne Wiese gebaut?
Früher war das anders. Ich komme aus Essen. Da steht das Gefängnis gleich neben dem Gericht und dem Polizeipräsidium. Die Grundstücke sind aber im ländlichen Raum günstiger. Und ein Neubau ist am Stadtrand politisch leichter durchzusetzen.

Bezüglich Resozialisation birgt die Randlage auch Nachteile?
Natürlich. Aber wir müssen auch die Sicherheit der Bevölkerung im Auge haben. Mit Vollzugslockerungen wie Ausgang und Urlaub werden wir vorsichtig anfangen. Wir müssen unsere Häftlinge ja erst einmal kennenlernen.

Wie sicher ist die Bevölkerung?
Die Anstalt ist nach menschlichem Ermessen ausbruchssicher. Probleme kann es bei Ausführungen zum Arzt, zum Gericht, zu Krankenhäusern geben. Da hat es immer mal wieder auch erfolgreiche Fluchtversuche gegeben. Und natürlich besteht die Möglichkeit, dass der Häftling aus dem Urlaub nicht zurückkommt. Diese Gefangenen haben allerdings alles andere vor, sie werden aber nicht hier in der Gegend bleiben. Die Erfahrung zeigt aber, dass gerade junge Menschen sehr gern in ihre heimatlichen Gefilde reisen, weil sie sonst gar nicht wissen, wohin sie gehen sollen, und dass man sie dort relativ schnell wieder einfängt.

Haben Sie Hoffnung?
Natürlich, sonst würde ich hier nicht arbeiten. Es ist nicht immer eine dankbare Aufgabe, die ich habe. Wir haben ganz wenige Erfolgserlebnisse. Wir kriegen immer nur mit, wenn die Leute wiederkommen. Die ehemaligen Gefangenen, die die Kurve kriegen, stehen hier nicht vor der Tür und bedanken sich bei uns, dass wir sie so toll unterstützt haben. Das kann ich natürlich gut verstehen. Ich warte noch immer auf die Schlagzeile in den Medien: „Hurra! Ich wurde resozialisiert!“ Die 99, die aus dem Urlaub wiederkommen, sind für die Öffentlichkeit uninteressant. Interessant ist nur der eine, der nicht wiederkommt.

Hilft der Strafvollzug denn wirklich?
Die Rückfallquote ist zwar hoch. Aber es ist wichtig, dass die Gesellschaft die von uns begonnene Arbeit fortsetzt. Hier werden den Jugendlichen Ausbildungsmöglichkeiten geboten, die sie draußen nie gehabt hätten, weil sie dann in Konkurrenz treten müssten. Auf dem freien Ausbildungs- und Arbeitsmarkt haben die meisten unserer Leute keine Chance. Auch so ein Freizeitangebot steht Jugendlichen draußen kaum zur Verfügung.

Manche sagen, dass Strafe sowieso nicht hilft. Andere sagen, der heutige Strafvollzug sei viel zu sanft. Was sagen Sie?
Das sind zwei Extrempositionen. Die Wahrheit liegt wie so oft dazwischen. Beide Meinungen haben natürlich Anteile, die ernstzunehmen sind. Hilft Strafe? Jungen Menschen muss man natürlich verdeutlichen, dass eklatantes Fehlverhalten nicht gebilligt wird. Aber denen, die meinen, wir seien ein Kuschelknast, sei gesagt, dass man den jungen Menschen ihre Freiheit entzieht. Sie können hier nichts alleine machen, sie können nicht ins Kino, die Freizeitangebote sind klar geregelt.
Aber in den sechs bis 18 Monaten, in denen die Jugendlichen hier sind, können wir nicht alles reparieren, was in den 15 bis 20 Jahren vorher alles falsch gelaufen ist. Alle, die vorzeitig hier entlassen worden sind, und das unterscheidet uns auch vom Erwachsenenstrafvollzug, bekommen einen Bewährungshelfer. Wir sind also sehr daran interessiert, dass unsere Häftlinge vorzeitig entlassen werden. Dann kommen die Bewährungshelfer hierhin, und man kennt sich persönlich schon mal.

INTERVIEW: LUTZ DEBUS

Tags: Thema 10/11

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