Diese Bilder sind voller Inbrunst und halten die Konzentration. Bemerkenswert ist schon, mit wie wenigen Motiven die Malerei von Peter Brötzmann auskommt und doch jedes Mal intensiv bleibt. Die Leere der großen Flächen ist relativ. Auf Brötzmanns Bildern ist meist ein Stück Natur zu sehen, ein zerklüftetes Gebirge etwa, teils mit einer mächtigen dunklen Wolke im Zentrum, als massiver Körper inmitten des Himmels, welcher oft ein wässriges Grau-Blau trägt, wie im Übergang vom Unwetter zum Sonnenschein. So ist auch die Farbe gesetzt, der Pinselstrich tobt sich unruhig und verhalten innerhalb einzelner Partien aus. Die Leinwand selbst ist manchmal versehrt, auch damit handelt Peter Brötzmann: Alles ist im Aufbruch, wirkt dabei monolithisch, die Flächen treten sinnlich auf, als aufgerissene Haut, unter der es gärt.
Aber wer wusste schon, dass Peter Brötzmann Maler ist? Anlässlich der Verleihung des Von der Heydt-Preises fand 2005 eine Ausstellung in der Städtischen Galerie seiner Geburtsstadt Remscheid statt. Nun gibt es erneut die Gelegenheit, seine Bilder zu sehen. In Wuppertal, wo er eigentlich schon immer mit Atelier in der Obergrünewalder Straße lebt, geschieht dies noch aufgrund seines 70. Geburtstages. Aber weder seine Weltgeltung als Jazzmusiker noch das Jubiläum brauchen ein Grund zu sein: Die Bilder haben für sich ihre Bedeutung und ihren Rang, und es stellt sich die Frage, warum sie nicht häufiger zu sehen waren. Vielleicht weil Brötzmann sich bewusst aus dem Kunstbetrieb herausgehalten hat und seine Bilder sich nur schwerlich irgendeiner Schule zuordnen lassen. Fast haben sie in ihrem Realismus und dem Expressiven etwas Anachronistisches – wären sie nicht so verdammt nah am Leben.
Eine Doppelbegabung
Peter Brötzmann ist als Doppelbegabung zu verbuchen: Als Saxophonist, der dem Free Jazz zugeordnet wird, und als Maler und Druckgrafiker, der dieses Metier an der Werkkunstschule Wuppertal gelernt hat. Die Anfänge liegen in den 1950er Jahren in der Abstraktion, die gestisch und ausgreifend, ganz im Stile der informellen Malerei vorgetragen ist. Aber schon bald wendet sich Brötzmann dem Gegenständlichen zu, er erstellt auch Objektkästen mit Fundstücken, wie er sie noch heute realisiert. Dabei kommt es zu Mischformen mit Elementen auf der Leinwand oder montiert vor dieser. Schon da treffen die Spuren des Vernutzten auf die aufmerksame Hinwendung, welche genau schaut und über die kleinen Dinge räsonniert. Peter Brötzmann braucht nicht viel, um Geschichten zu erzählen.
Seine Malerei selbst ist rau, fast unwirsch, die Bilder sind meist dunkel, darin aber kategorisch. Einzelne Metaphern nehmen eine fast mythische Bedeutung ein: etwa die Wasserfläche (in der ein Schiff gekentert ist und ein Mann im Wasser schwimmt) oder das unzugängliche Gebirge mit dem düsteren Himmel dahinter. Die riesige Wolke tritt wie ein Fels auf und ist noch von unten beschattet. Demgegenüber opulent sind in der Ausstellung bei Hans Peter Nacke die Darstellungen mit Zeppelinen, die in den 1970er Jahren entstanden, aber auch für das heutige Werk typisch sind. Der Zeppelin tritt eher riesig auf und wirkt behäbig, wie in langsam schwebender Bewegung, vermittelnd zwischen Himmel und Erde. Natürlich schwingen von Mal zu Mal die gängigen Symbole mit, die häufig eine latente Aggressivität ansprechen, aber hier ins Groteske, gar Humorvolle transponiert sind. Angesprochen sind Aufbruch und Freiheit als Utopie – auch wenn nie Menschen zu sehen sind – und auch die Farbe lässt sich nun vorsichtig blicken. Plötzlich ist da eine kristallklare Leichtigkeit. Wie beim „Gurkenzepp“ (1976) etwa, dessen grüne Hülle verhalten über dem glatt gezogenen Horizont des Meeres leuchtet. Der Zeppelin kehrt sozusagen seinen Bauch mit der Kabine dem Betrachter zu und gewinnt an Höhe, fliegt gleich aus dem Bild. Die zwei vertikalen offenen Nähte der Leinwand sind zugleich lakonischer Kommentar auf die Scheinrealität. Und Brötzmann entkernt das Geschehen. Wenn der Mensch vorkommt, dann in einer ausgesprochen existenziellen Situation: als Ertrinkender oder als Paar in der sexuellen Vereinigung. In der jüngsten Zeit nimmt er die beiden Motive wieder auf, bei seinen Holzschnitten, die nun ganz dem Expressiven verpflichtet sind.
Bliebe die vielleicht müßige Frage, inwieweit die Haltung des Jazz und die der Malerei bei Peter Brötzmann ähneln. Auch wenn die Metiers aus sich heraus entstehen: Ja, in ihrem Duktus sind sie verwandt. Verwandt – aber nicht vergleichbar.
„Peter Brötzmann – Arbeiten 1959-2010“ I Bis 18.6. I Galerie Epikur Wuppertal 0202 426 52 62
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