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Zwei Herren im Anzug

Da schau her

19. März 2018

Die Filmstarts der Woche

Der in diesem Jahr 70 Jahre alt werdende Josef Bierbichler ist ein bayerisches Multitalent und eine Naturgewalt. Von seinen Auftritten bei Herbert Achternbusch bis zu seiner Neuentdeckung durch Hans Steinbichler („Hierankl“) kann man sich davon ein Bild machen, und auch Filme wie „Im Winter ein Jahr“ oder „Das weiße Band“ hat er mit seinem Talent geadelt. Das beschränkt sich bei Bierbichler aber nicht nur auf die Schauspielerei, denn auch als Romanautor hat er schon einen beachtlichen Erfolg für sich verbuchen können. „Mittelreich“ heißt seine 2011 erschienene bayerische Familiengeschichte, die er nun unter dem Titel „Zwei Herren im Anzug“ für die Kinoleinwand aufbereitet hat. Zum zweiten Mal (nach „Triumph der Gerechten“ aus dem Jahr 1986) hat er darüber hinaus auch die Inszenierung selbst übernommen. Theres (Martina Gedeck) ist gestorben, und bei ihrer Beerdigung kommt es nach Jahren des Schweigens endlich einmal wieder zu einer Aussprache zwischen ihrem Mann Pankraz (Josef Bierbichler) und Sohn Semi (Bierbichler-Sohn Simon Donatz). Die beiden hatten sich schon vor Jahrzehnten entfremdet und lassen nun gemeinsam die vergangenen Jahrzehnte in ihren Erinnerungen Revue passieren. Alles beginnt kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs auf dem Seegasthof von Pankraz‘ Vater und wird sich über den Zweiten Weltkrieg und die Wirtschaftswunderjahre bis in die frühen 1980er Jahre hineinziehen und dabei das Leben einer bayerischen Familie symbolisch Gestalt annehmen lassen. Das ist bestimmt von deren enger Bindung zur Religion, die später in wahren Glauben und falsche Frömmelei zerfällt, und von der Liebe zur Heimat, zum bayerischen Dialekt und zu Volkstümeleien, die dann den fruchtbaren Boden für die fremdenfeindlichen Parolen der Nationalsozialisten liefern. Auch wenn Bierbichler die 400 Seiten seines Romandebüts für die sowohl mit Farb- als auch Schwarzweiß-Bildern arbeitende Verfilmung stark zusammengestrichen hat, ist am Ende dabei doch ein episches, wunderbar fotografiertes Familiendrama herausgekommen.

An die US-Sportlerin Tonya Harding, die als erste Frau Ende der 1980er mit einem „dreifachen Axel“ Eiskunstlauf-Geschichte schrieb, erinnern sich wohl nur noch hartgesottene Fans. Ein solcher muss man aber nicht sein, um von diesem auf Interviews mit Harding und ihrem Ehemann Jeff Gillooly beruhenden, stilistisch außergewöhnlichen Bio-Pic fasziniert zu sein. Craig Gillespies „I, Tonya“ zeichnet Harding als vulgäre, aber auch tragische Antiheldin; er setzt eindrucksvoll ihr Können auf dem Eis in Szene, interessiert sich aber vor allem mit viel bitterem Witz für ihren privaten und sozialen Hintergrund: ein unterprivilegiertes Milieu, dessen Härte Hardings eigene Härte verständlich macht. Ein beklemmendes Porträt eines (moralisch) verwahrlosenden, brutalen Amerikas.

In der Fortsetzung seines bisher größten Erfolgs spielt Dany Boon erneut mit, ist aber ein anderer, und der damalige Hauptdarsteller Kad Merad hat diesmal nur einen Cameoauftritt. Neue Figuren – gleiches Spiel: Valentin (Boon) verleugnet seit langer Zeit seine Familie aus dem Hinterland (darunter Pierre Richard als schrulliger Vater), weil er sich schämt, ein Sch'ti zu sein. Stattdessen lebt er dialektfrei und mit adretter Gattin (Laurence Arné) als Designer in Paris. Eines Tages aber taucht seine Sippe auf und Valentin verliert nach einem Unfall die Erinnerung an die letzten 25 Jahre. Nach trivialer Exposition, die sich aus Versatzstücken des Boulevards zusammensetzt, mausert sich „Die Sch'tis in Paris - Eine Familie auf Abwegen“ zu einem wundervoll kauzigen, sympathischen und berührenden Schelmenstück.

Thelma ist bei streng religiösen Eltern auf dem Land aufgewachsen, nun zieht sie für‘s Studium in die Stadt. Dort lernt sie ein anderes Leben kennen, und sie lernt auch ein anderes Ich kennen. Doch schon bald hat sie besorgniserregende Anfälle, und nicht nur das: Sie scheint auf übersinnliche Art ihre Umwelt beeinflussen zu können. Joachim Trier ist nach seinem US-Debüt „Louder Than Bombs“ mit „Thelma“ wieder in seine Heimat Norwegen zurückgekehrt und konzentriert sich ganz auf seine Fähigkeiten, adoleszente Ausnahmezustände in sinnlichen Bildern einzufangen. Weil er den Genrespagat zwischen feministischem Coming-of-Age-Drama, Psychothriller und Horrorfilm wagt, eröffnet sich eine visuelle Fabulierkunst, die er wunderbar nutzt. Und Brian de Palmas „Carrie“ lässt grüßen...

Außerdem neu in den Wuppertaler und Solinger Kinos: die Dokumentation „Die grüne Lüge“, Scott Speers Teenager-Romanze „Midnight Sun - Alles für dich“, Steven S. DeKnights Roboter-Actioner „Pacific Rim: Uprising“ und, für die Kinder, Will Glucks Buchadaption „Peter Hase“.

Redaktion engels-kultur.de

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