Kinokalender
Mo Di Mi Do Fr Sa So
6 7 8 9 10 11 12
13 14 15 16 17 18 19

12.401 Beiträge zu
3.685 Filmen im Forum

05/20 Krankenhaus-Krise

FRAGEN DER ZEIT
Redaktionsskizze: wie engels & Co. das jeweils nächste Thema planen für choices/Köln, engels/Wuppertal und trailer/Ruhr
Drei Magazine in NRW – ein THEMA

Foto : melita / Adobe Stock

Kleine Ursache, große Wirkung. Ein Sprichwort wie gemacht für Krankheitserreger. Infolge der Coronaepidemie leeren Hamsterkäufe Supermarktregale, ruhen öffentliche Einrichtungen, Betriebe und Großveranstaltungen, stockt der Reiseverkehr und zittert die Weltwirtschaft. Vor allem aber: Es erkranken und sterben Menschen. In diesem Monatsthema interessiert uns aber weniger die Epidemie sondern vielmehr die Normalität: Denn die Notlage trifft hierzulande ein Gesundheitssystem, das ohnehin in der Kritik steht, Personal bis zum Nervenzusammenbruch zu strapazieren, durch mangelnde Klinikhygiene die Gesundheit zu gefährden und sich weniger nach den gesundheitlichen Interessen der Patient:innen auszurichten sondern vielmehr nach den finanziellen Interessen des Gesundheitssystems. Trügerisch wäre es trotzdem, nun von durchweg prosperierenden Kliniken auszugehen. Laut dem Krankenhaus-Rating-Report 2019 des Leibniz Instituts für Wirtschaftsforschung in Essen (RWI) werden bereits im Jahr 2025 deutschlandweit rund ein Fünftel der Kliniken stark insolvenzgefährdet sein – wenn nichts dagegen getan wird. Der Report empfiehlt insbesondere eine Verringerung der Teilzeitquote in den Pflegeberufen, mehr Verantwortung für die Pflegenden, Zuwanderung von Fachkräften, den Ausbau der Digitalisierung, stärkere Ambulantisierung, eine Reform des Vergütungssystems und mehr unternehmerische Freiheiten im Gesundheitssystem. Er beklagt eine vielerorts zu hohe Standortdichte und mangelnde Spezialisierung kleinerer Kliniken. Unwidersprochen bleibt das nicht. Der Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte (VDÄÄ) warnt schon länger davor, solidarische Elemente des Vergütungssystems durch eine marktorientierte Reform zu gefährden. Skeptiker:innen lesen aus den Empfehlungen einen Zwang zur Vollzeit heraus, das leidige Gegeneinanderausspielen von in- und ausländischen Fachkräften, eine weitere Überlastung des Personals unter dem Deckmantel gestiegener Verantwortung, schlechtere Erreichbarkeit von Kliniken durch Standortstreichung und die Tendenz, ambulanter Therapie den Vorzug auch dann zu geben, wenn stationäre geboten wäre. Angesichts düsterer Prognosen und widerstreitender Therapievorschläge fragen wir: Wie steht es um Kassen, Kranke und Keime in unseren Krankenhäusern?

 

Medienteil EINS: Kassen – teure Gesundheit


Zwanzig Millionen Patienten jährlich in den Krankenhäusern – und jede zweite Abrechnung fehlerhaft? Das besagte ein Bericht des Bundesrechnungshofs aus dem vergangenen Jahr. Die Krankenkassen bzw. der zuständige Medizinische Dienst überprüften die vielfach zu hohen Zahlungsforderungen der Krankenhäuser zudem nur selten. Dass es Interpretationsspielräume gibt, kann indes nicht überraschen: Der bundesweite Abrechnungskatalog für Klinikbehandlungen (DRG) listet für das Jahr 2019 über 1300 Fallpauschalen, Kataloge listen rund 10.000 Diagnosen und 30.000 Prozeduren. Seit Jahresbeginn soll ein Reformgesetz u.a. hier für Abhilfe sorgen: Der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) wird von den Krankenkassen entkoppelt und als Medizinischer Dienst (MD) eigenständig aufgestellt, im Sinne einer „Verbesserung der Effizienz und Effektivität der Krankenhausabrechnungsprüfung“, heißt es im Gesetzentwurf. Bevor ein Streitfall zwischen Kasse und Klinik beim Sozialgericht landet, soll das einigende Gespräch gesucht werden. In Aussicht auf das neue Verfahren sind tausende Altfälle vorsorglich den Sozialgerichten überantwortet worden, deren Bearbeitung dann beispielsweise nicht am Zeitbudget eines zum Dialog verpflichteten Krankenhauses zerrt, sondern an dem der ohnehin überlasteten Justiz. Die Entwicklung legt nahe: Transparenz und Praktikabilität sind bei der Abrechnung von Klinikbehandlungen so dringend nötig wie sie herzustellen schwierig sind. Die Frage des Umgang mit den Geldern eines solidarisch finanzierten Gesundheitssystems trifft aber ins Zentrum der Demokratie. Gehen die Kliniken angemessen mit dem Geld um, verschwenderisch oder sogar betrügerisch? Ist die Schnittstelle Kasse-Klinik entscheidend oder gibt es weitere Baustellen?

 

Medienteil ZWEI: Keime – hausgemachte Infektionen?


Rund eine Billion Mikroben, vor allem Bakterien, Viren und Pilze, leben auf und in uns – und wir dank ihnen. Gelangen sie aber an Orte, wo sie nicht hingehören, beispielsweise von der Haut in die Blutbahn, können sie fatal wirken. Über offene Wunden oder Katheter passiert das besonders leicht und so ist das Krankenhaus der Ort, an dem sie uns als Krankheitserreger gefährlich werden können, nicht zuletzt, weil unzählige Stämme vielfache Resistenzen gegen die Ultima Ratio der medizinischen Keimbekämpfung ausgebildet haben: Antibiotika. Die Furcht vor multiresistenten Erregern (MRE) begleitet Krankenhausaufenthalte mittlerweile selbstverständlich. Kliniken sehen sich dem kategorischen Vorwurf gegenüber, mit den Risiken fahrlässig umzugehen, Voruntersuchungen zur Besiedlung mit MRE zu unterlassen und Hygieneregeln zu vernachlässigen. Nach Schätzungen des Robert Koch Instituts (RKI) erkranken in Deutschland jährlich 400.000 bis 600.000 Menschen an Infektionen durch multiresistente Keime, 10.000 bis 20.000 sterben daran. Die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) geht von ungefähr doppelt so hohen Fallzahlen aus. Gefährdet sind insbesondere Patient:innen mit geschwächten Immunsystemen, Krebserkrankungen, chirurgischen Erkrankungen, chronischen Wunden und nicht zuletzt Frühgeborene. Lungenentzündungen, Wund- und Harnwegsinfektionen und Blutvergiftungen zählen zu den Gefahren. Fördermaßnahmen zum Ausbau von Hygienestandards und pharmakologischen Forschungen wurden längst auf den Weg gebracht, auch Wechselwirkungen zwischen Human- und Tiermedizin sowie der Landwirtschaft bedacht, ein globaler Aktionsplan der WHO erdacht. Mit Erfolg? Kann die Furcht vor MRE bald der Vergangenheit angehören, wäre die Lage ohne Eingreifen heute viel schlimmer? Oder erweist sich die Bedrohung als noch hartnäckiger als befürchtet?

 

Medienteil DREI: Kranke – lange Wege, kurze Pflege?


Mehr als jedes zweite Krankenhaus schließen, von 1400 Einrichtungen auf 600! Das empfiehlt eine Bertelsmann-Studie aus dem vergangenen Jahr, zur Verbesserung der Leistungen und Verringerung von Komplikationen, Todesfällen und Personalengpässen. Beispielsweise sei es besser, für einen Schlaganfallpatienten eine längere Anfahrtszeit in Kauf zu nehmen, wenn er dafür in einer personell und technisch uneingeschränkt qualifizierten Einrichtung aufgenommen werde. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) wendet ein, Kliniken seien zuständig nicht nur für „komplizierte Operationen mit Maximalversorgung“. Gerade für alte, pflegebedürftige oder chronisch kranke Menschen sei die leichte Erreichbarkeit ein hohes Gut. Die Verbesserung der Versorgung durch die Bündelung von Kapazitäten sei zudem eine unbelegte Annahme, während es sich beim bestehenden Kliniknetz um eine schützenswerte soziale Infrastruktur handle. Das verträgt sich mit dem Befund von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, ein „Krankenhaus vor Ort“ sei „für viele Bürger ein Stück Heimat“. Auch die Diskussion um die Ökonomisierung des Kliniksystems dauert an: Ehemalige Chefärzte räumen ein, dass Geschäftsführer darauf drangen, der lukrativeren Indikation den Vorzug zu geben statt der medizinisch gebotenen. Von gesunden Arbeitsbedingungen kann ohnehin nicht die Rede sein angesichts einer dünnen Personaldecke und Stress bis zum Burn-Out. Gewiss ist, dass sich die Verfassung des Personals wiederum auf die Behandlung der Patient:innen auswirkt. Nicht zuletzt der demografische Wandel legt nahe, dass sich umgehend etwas ändern muss, wenn das gegenwärtige Versorgungsniveau wenigstens gehalten werden soll. Was läuft falsch an Deutschlands Krankenbetten und was ist zu tun?


Ihre engels-Redaktion

Neue Kinofilme

Takeover – Voll vertauscht