Kinokalender
Mo Di Mi Do Fr Sa So
14 15 16 17 18 19 20
21 22 23 24 25 26 27

11.026 Beiträge zu
2.963 Filmen im Forum


Terry-Thomas mit Hattie Jacques in „Make Mine Mink“ (Ein Nerz an der Angel)
Archiv Frank Brenner

100 Jahre Terry-Thomas

Der britische Kultkomiker wäre im Juli 100 geworden - Portrait 07/11

Hierzulande dürfte sein Name nur eingefleischten Filmfans ein Begriff sein, und doch kann wohl jeder mit seinem Gesicht etwas anfangen, der auch mal klassische Komödien der 50er und 60er Jahre schaut: Terry-Thomas. Vor genau 100 Jahren, am 14. Juli 1911, kam er unter dem bürgerlichen Namen Thomas Terence Hoar-Stevens als viertes von fünf Kindern im Londoner Stadtteil Finchley zur Welt, einige Jahrzehnte später sollte das der Wahlbezirk der künftigen Premierministerin Margaret Thatcher werden. Dass es ihn auf die Bühne zog, war dem jungen Mann mit der auffälligen Zahnlücke zwischen den beiden Schneidezähnen schon schnell klar. Mit 17 Jahren übernahm er sein erstes Theaterengagement, kurze Zeit später gelangte er als Statist zum Film, wo er auch in veritablen Klassikern wie „Was kommen wird“ und „Sechs Frauen und ein König“ kurz durchs Bild huschte.

Früher Fernsehstar
Seine eigentliche Karriere begründete sich allerdings erst während des Zweiten Weltkriegs, als er der Entertainmenteinheit ENSA der Army beitrat und Soldaten beim Fronttheater vom Kriegsalltag ablenkte. Dies öffnete ihm nach 1945 die Türen zu den größten Theatern des Londoner West Ends, wo er insbesondere mit seiner parodistisch angelegten Sketchfolge „Technical Hitch“ für Begeisterungsstürme sorgte. Die Nummer brachte es später auch noch zu Film- und Fernsehehren. In den seinerzeit enorm populären Radiosendungen war Terry-Thomas in den 40er Jahren omnipräsent, und auch das noch junge Medium Fernsehen bescherte ihm schon 1947 erste Gastauftritte. 1949 erhielt er schließlich seine eigene Fernsehshow, die ebenfalls sketchhaft und mediensatirisch angelegt war. „How Do You View?“ wurde live gesendet, weswegen davon heute keine Archivaufnahmen mehr existieren. In fünf Staffeln wurden bis 1952 rund 30 Shows produziert, ehe sich Terry-Thomas dann ebenso erfolgreich einer professionellen Filmkarriere zuwandte.

Mit Louis de Funès im türkischen Bad
In Großbritannien sind es insbesondere seine damals entstandenen Filmrollen in den gesellschaftskritischen Komödien der Boulting Brothers, die seine Popularität in neue Höhen katapultierte: „Der beste Mann beim Militär“, „Junger Mann aus gutem Haus“ und „Volltreffer ins Glück“ heißen die bekanntesten von ihnen. Sie eröffneten dem stets äußerst adrett gekleideten Schauspieler alsbald auch den Einstieg ins Hollywood-Filmgeschäft, wo er in den nächsten fünfzehn Jahren der Inbegriff des britischen Gentlemans werden sollte – der es freilich faustdick hinter den Ohren hat. Denn Terry-Thomas war gleichfalls abonniert auf den ausgefuchsten Schurken, der stets um den eigenen Vorteil bedacht war und seine Gegenspieler auszutricksen verstand. Kabinettstückchen dieses Rollenklischees finden sich u.a. in den Filmen „Die tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten“, in dem Munsters-Kinofilmableger „Gespensterparty“, in „Tolldreiste Kerle in rasselnden Raketen“ oder in „Monte Carlo Rallye“. Auch im europäischen Film der 60er Jahre erfreute sich der von ihm verkörperte Typ des verschlagenen britischen Snobs anhaltender Beliebtheit. Neben Louis de Funès und Bourvil brillierte er in „Die große Sause“, stand neben Jerry Lewis in „Der Spinner“ vor der Kamera, becircte Doris Day in „Als das Licht ausging“ und hinterließ seine Fußspuren in italienischen Exploitationwerken wie „Gefahr: Diabolik“.

Parkinson und letzte Ehrung
Auf dem Höhepunkt seiner Popularität erhielt er mit 60 Jahren die Diagnose, an der unheilbaren Parkinson-Krankheit zu leiden. Die Schüttellähmung machte es ihm in Folge immer schwerer, seinem Beruf nachzugehen. Mit kleinen Gastrollen (u.a. in Marty Feldmans „Drei Fremdenlegionäre“) und Synchronarbeiten (als Stimme der Schlange Sir Hiss in Walt Disneys „Robin Hood“-Adaption) hielt er sich mühsam über Wasser. Ende der 80er Jahre war sein einstmals beachtliches Privatvermögen aufgebraucht. Terry-Thomas lebte unter erbärmlichen Verhältnissen in einer Londoner Sozialwohnung. Ein Artikel im „Daily Mirror“, der auf seine Situation aufmerksam machte, führte zu einem Benefizkonzert, das viele seiner ehemaligen Kollegen und Freunde 1989 im Royal Drury Lane Theatre in London organisierten. Unter der Schirmherrschaft von Sir Michael Caine und dem Sänger Phil Collins wurde dem damals schon todkranken Schauspieler so eine letzte Ehre zuteil. Am 8. Januar 1990 verstarb Terry-Thomas im Alter von 78 Jahren an den Folgen seiner Parkinson-Erkrankung. Einige seiner unvergesslichen Rollen sind auch hierzulande auf DVD lieferbar.

Frank Brenner

Portrait.

Fortsetzung folgt …
Bud Spencer veröffentlicht Teil zwei seiner Memoiren – Portrait 05/12

Das Gedächtnis des Films
Zum Tode von Helmut W. Banz - Portrait 03/12

Ostalgie und Dystopie im Zwiespalt
Eine kleiner Rückblick auf die DDR im deutschen Kino - Portrait 03/12

Absurditäten des Alltags
Vom Ringen mit dem perfekten Satz - Portrait 03/12

Nicht kleckern, sondern klotzen
Ein Rückblick auf die Stationen Gary Oldman's - Portrait 02/12

Zwischen Reichen und Schönen
Ein neues Filmbuch widmet sich dem Serienphänomen „Columbo“ – Portrait 01/12

Nicht nur ein Cowboy
Das Leben von Lex Barker im Buch – Portrait 11/11

Ein Stück deutsche Fernsehgeschichte
Loriot ist im Alter von 87 Jahren gestorben – Portrait 08/11

Jerry Cotton bleibt Kult
Der ibidem-Verlag veröffentlicht ein Filmbuch zur legendären Jerry-Cotton Reihe - Portrait 08/11

Das Format, auf dem die Träume waren
Hommage an Zelluloid und Jugendkino: J.J. Abrams' "Super 8" - Portrait 08/11

Die Natur des Menschen
„The Way Back – Der lange Weg“: Meisterregisseur Peter Weir ist zurück - Portrait 07/11

Der Mann mit dem Glasauge und dem Notizbuch
Erinnerungen an den verstorbenen Peter Falk und seine größte Rolle - Portrait 07/11

Der Party-Crasher
Wie “Hangover”-Erfinder Todd Phillips die Partykomödie neu belebt - Portrait 06/11

Alptraum Wohnzimmer
40 Jahre, 20 Filme: Das Angstkino des Wes Craven - Portrait 05/11

New York und New Hollywood
Nachruf auf Sidney Lumet - Portrait 04/11

Der Profi
Gedanken zum Tod von Bernd Eichinger - Portrait 02/11