… die Last-Minute-X-Mas-Geschenktipps. Für all diejenigen, die sich dieser Tage noch mit langem Gesicht durch die überfüllten Einkaufspassagen plagen, verzweifelt stöbern und schließlich sinnentleert am Tresen der nächstbesten Eckkneipe oder am Glühweinstand eines der unzähligen Weihnachtsmärkte landen. Auf himmlische Inspiration oder besser noch: rot-weiß-gewandeten Beistand hoffend. Hohooo! Gerade bei den Präsenten für die Kleinen ist guter Rat teuer. Alles so bi-ba-bunt hier. Und zwar nicht nur der Plastikkrempel. Auch die Bilderbücher brechen in einer wahren Farbflut über einen herein. Wer Glück hat, erwischt noch Wolf Erlbruchs legendären „Kinderimmerkalender 2011“ (Hammer): „Nur Mut!“ heißt es diesmal in gewohnt hinterlistiger wie liebevoller Weise, so dass selbst Eltern das ganze Jahr ihren Spaß haben am tierisch-menschlichen Treiben. Bei den Kinderbüchern ist das mit dem Spaß jedoch häufig eine zweischneidige Sache: So traurig-schön zum Beispiel Tobias Krejtschis Illustration des Maori-Mythos „Wie der Kiwi seine Flügel verlor“ (Hammer) auch sein mag, gefriert dem verständigen Nachwuchs doch im Angesicht der düsteren Metaphorik das Blut in den Adern. Da geht es bei Erwin Moser, dessen beschwingte Fantasie durch „Das große Buch von Koko und Kiri“ (Nilpferd) galoppiert, weit unbeschwerter zu. Und auch die pädagogischen Botschaften in Katja Reider/Günter Jacobs‘ Hexensabbat „Zauberfrei für Hermeline“ (Sauerländer) sowie Oliver Jeffers‘ minimalistischem „Pinguin gefunden“ (Aufbau) lassen den Kleinen genügend Raum, um selber vor sich hin zu spinnen. Zu lieblich? Nun gut, dann sei der aufmüpfige Geist von „Brunos Weihnachten“ (rotfuchs) empfohlen, dessen grünhaariger Held als unschuldiges Alter Ego seines Schöpfers Ben Becker daherkommt. Aber bitte nicht dem Weihnachtsmann vor das Schienbein treten, falls sich der Panz zu einem punkigen Querkopf à la Yoshitomo Nara entwickelt, dessen garstig-niedliche Geschöpfe in „Nobody‘s Fool“ (DuMont) nun erstmals eine exquisit ausstaffierte Künstlermonografie bevölkern. Andererseits: immer noch besser als das ausweglose Schicksal des waisen Geschwisterpaars in Roberto Bolaños „Lumpenroman“ (Hanser), dem man fast ein wenig mehr Gewissenlosigkeit wünschen würde. Es kann ja nicht jeder mit derart viel erzählerischem Feinsinn gesegnet sein wie Finn-Ole Heinrich, der nun gemeinsam mit Spaceman Spiff ein literarisch-musikalisches Kleinod geschaffen hat: „Du drehst den Kopf, ich dreh den Kopf“ (mairisch), schlicht und ergreifend ein Geschenk zum Kopfverdrehen – während Ken Bruens Parforceritte durch das Narbenherz seines verkommenen Anithelden allein etwas für Hartgesottene sind. Ob es nun heißt „Jack Taylor fliegt raus“ oder „Jack Taylor fährt zur Hölle“ (Atrium), das maßloseste Biest unter den Private Eyes eignet sich bestens, um das Fest der Liebe mit einem schelmischen Zwinkern zu konterkarieren. Geradezu traumatisch-humorlos geht es hingegen in David Lynchs „Lithos“ (HatjeCantz) zu: düster-lyrische Ausgeburten der Fantasie, die den bewegten Bildern des Psychomeisters in nichts nachstehen, diese sogar vielmehr um soghafte Metaebenen bereichern. Manische Strudel, die übrigens schon in der Weltliteratur ihre Vorläufer hatten. So hat ein Henry James zum Beispiel die Wirkung seiner Horrornovelle um eine junge Erzieherin und ihre engelhaften Mündel aus dem Jahre 1898 gleich im Titel „Die Drehung der Schraube“ (Manesse) fixiert. Und auch Juan Rulfos Klassiker der lateinamerikanischen Literatur „Pedro Páramo“ (Suhrkamp) besticht nicht nur durch seine genealogische Metaphorik, sondern auch den Thrill, den die Heimkehr eines Toten in eine tote Stadt entfacht. Fast meint man sie sehen, greifen zu können, die hüllenlosen Seelen, wie sie auch Roger Eberhards Fotografien eines „Wilted Country“ (Scheidegger & Spiess) die Farbe entziehen. In Hitze und Staub geisternde Tagmähren, die einen andächtig in den Sessel sinken lassen. Vielleicht nicht besinnlich, dafür sinnig; und darum geht‘s dieser Tage doch.
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