Der Schock war im Sommer groß. Als das Hamburgische WeltWirtschaftsInstitut (HWWI) sein Kulturranking veröffentlichte, rieben sich manche Wuppertaler ungläubig die Augen. 30 Großstädte wurden nach dem Wert ihres kulturellen Angebots beurteilt. Wuppertal landete auf dem letzten Platz; der Wuppertaler muss sich seitdem so manche Frage gefallen lassen. Was hat Stuttgart als erstplatzierte Stadt oder auch Dresden als zweitplatzierte, was Wuppertal nicht hat? Liest man die Kriterien, nach der die Sozialwissenschaftler ihre schonungslose Hitparade zusammenstellten, wird schnell klar, warum die bergische Metropole dabei durchfiel. Erbsenzählerisch wurden verkaufte Theater- und Kinokarten, Museumsquadratmeter, Quoten von Kulturschaffenden an der Gesamtbevölkerung und deren Wirtschaftsleistung addiert. Auch die öffentlichen Ausgaben für Bibliotheken, für Denkmalschutz und Musikschulen wurden berücksichtigt. Dabei gilt nach wie vor der Satz: „Ich glaube keiner Statistik, solange ich sie nicht selbst gefälscht habe“. Tatsächlich ist es sehr schwer, kulturelles Leben mithilfe mathematischer Methoden zu bewerten. Natürlich ist das Von der Heydt-Museum eher klein, setzt man es ins Verhältnis zur Einwohnerzahl der Stadt. Ähnlich verhält es sich mit den Sitzplätzen der städtischen Bühnen. Aber können Zahlen über Kultur urteilen? Qualitative Aussagen hatten keinen Platz in der Studie. Die Monet-Schau in den Jahren 2009/2010 im Von der Heydt-Museum war in Europa einzigartig. Ein Tanztheater Pina Bausch findet man weltweit kein zweites Mal. Aber als Faktor einer Gleichung mit vielen Unbekannten waren diese Schätze eher unbedeutend. Der Freejazzer Peter Brötzmann als einer der innovativsten Musiker des Landes passt mit seinem Saxophon in kein Tortendiagramm.
Die Pioniere bleiben außen vor
Gänzlich unberücksichtigt blieb in dem Kulturranking aus dem hohen Norden auch die freie Szene. Der Kulturbegriff wurde nämlich sehr eng gefasst und vernachlässigt all das, was nicht in subventionierten Kulturtempeln stattfindet. Doch gerade hier verfügt Wuppertal über eine quicklebendige Landschaft. Junge Kulturschaffende arbeiten im Tal oft genreübergreifend. Die ehemals klaren Grenzen zwischen Musik, bildender Kunst und Theater verschwimmen. Kultur verbindet sich mit sozialem Auftrag und wird oft als Projekt, nicht als Institution organisiert. Eigene, neue Kunstformen entstehen und etablieren sich. Kreativität soll, so wird inzwischen von manchem Zukunftsforscher gemutmaßt, der Kitt sein, der die sich immer weiter ausdifferenzierende Gesellschaft zusammenhält. Hier setzt der Wunsch nach einem neuen urbanen Lebensgefühl ein. Eine wichtige Rolle spielen die jungen Wilden der freien Szene in der Belebung entvölkerter Industrie- und Wohnbrachen. Fabrikruinen wie zum Beispiel die alte ELBA-Fabrik wurden durch Künstler revitalisiert. Dass die Kulturschaffenden wieder weichen müssen, wenn ihr „Auftrag“ der (kulturellen) Erschließung und Wiederbelebung erfüllt ist, zeigt sich nicht nur in Wuppertal. In vielen Städten sind die Kreativen die Vorhut der hochpreisigen Quartiersanierung. Der Prenzlauer Berg in Berlin-Mitte galt vor der Wende und kurz danach als subversive Vorhölle. Inzwischen wird er von der neuen kulturellen und politischen Elite der Hauptstadt bevölkert. Projekte im Dortmunder Norden und im Duisburger Hafen versuchen, die Viertel massiv aufzuwerten. Wann werden dort luxuriöse Wohnanlagen entstehen? Wie einst die Rucksackreisenden die Trampelpfade auf paradiesischen Inseln austraten, damit wenige Jahre später die Tourismusindustrie mit Betonklötzen und Landebahnen den bereiteten Boden nutzen konnte, verhält es sich vielleicht auch mit urbanen Kulturprojekten. Nichts ist hässlicher als ein heruntergekommener Stadtteil. Nichts ist reizvoller als ein heruntergekommener Stadtteil, der zum Gesamtkunstwerk erklärt wird. Die vielen kleinen, oft in prekären Verhältnissen lebenden Kulturschaffenden, die aus einem Problemstadtteil ein Kreativquartier machen, erscheinen vor diesem Hintergrund wie Kunstdünger der Stadtentwicklung.
Insofern irrt auch hier das HWWI. Nicht zufällig führte ein Wirtschaftsinstitut und nicht etwa ein Kulturinstitut die oben erwähnte Studie durch: Letztlich geht es bei dem Ranking um die Attraktivität von Wirtschaftsstandorten. Kultur gilt in den Planungsetagen großer Unternehmen inzwischen als ähnlich wichtiger Standortvorteil wie eine gute Autobahnanbindung oder ein naher Großflughafen. Wenn sich nun aufgrund dieses Ergebnisses ein internationales Unternehmen in Stuttgart oder Dresden ansiedelt, bekommt es für seine Mitarbeiter sicherlich viele Quadratmeter Museum und viele Opernsitzplätze geboten. Aber ist das wirklich so erstrebenswert? Die Kultur, die innovative Mitarbeiter anzieht, wird nicht im Schwabenland oder in Sachsen stattfinden, sondern vielleicht doch eher in Wuppertal.
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