Der Chor der Wuppertaler Bühnen war im vergangenen Jahr nach der Inszenierung „Griechische Passion“ des Komponisten Bohuslav Martinus bei der NRW-Kritikerumfrage achtmal als einer der drei besten Chöre nominiert, „Unser Chor war vorher auch schon sehr gut. Unter Jens Bingert hat sich sein Repertoire auch auf Kammerchor-Repertoire erweitert - sie haben beispielsweise diese beiden fantastischen Konzerte in der Citykirche gemacht, wo sie allerschwerstes a cappella-Repertoire gesungen haben, zuletzt das Programm mit türkischer Musik, Bartók und Hindemith“, urteilt Johannes Weigand, seines Zeichen Opernintendant.
Herzblut und positive Impulse
„Ich versuche, jeden einzelnen Sänger persönlich wahrzunehmen“, beschreibt Jens Bingert, der mit sechs Jahren Klavier zu spielen begann, nach eigener Erinnerung „schon immer“ gesungen hat und bereits als Abiturient den C-Schein hatte, um den sonntäglichen Gottesdienst an der Orgel begleiten zu können, seine Arbeitsweise jenseits der rein technisch-musikalischen Ansprüche. „Die Art, wie ich mit Menschen umgehe, erweckt oft einen anderen Klang. Ich bin kein Monarch, die Choristen keine Sing-Maschinen. Jeden Einzelnen zu motivieren, ist ganz wichtig. Das ist eine positive Stimulation.“ In seiner Beschreibung, Qualität zu halten und weiterzuentwickeln, erinnert er an Pierre Boulez, der dem Vernehmen nach mit dieser ungeheuren Ruhe dasteht und immer so unaufgeregt freundlich ist.
Seit der Spielzeit 2009/10 ist der gebürtige Rheinland-Pfälzer Jens Bingert, der in Köln Kirchenmusik und anschließend an der Folkwanghochschule Chor- und Orchesterleitung studierte, also bestens ausgebildet ist, in Wuppertal angekommen.
Durch den Weggang Jaume Mirandas war der Posten als Chorleiter ausgeschrieben, und Bingert, bis dahin Chordirektor und Kapellmeister in Trier, bewarb sich. Für einen solchen Job gibt es eine Art „Test", er hat also eine Stunde mit dem Chor geprobt. Anschließend zählt maßgeblich das Votum des Chores. „Nun ja, und in seinem Fall waren der Chor und ich uns schnell einig, dass wir ihn engagieren wollen“, erinnert sich Johannes Weigand. Ohne guten Chor geht gar nichts, in keiner Musikinszenierung. Der Chordirektor fände für jedes Werk genau die richtige Zusammenstellung, immer stimmt die Mischung perfekt.
„Ich höre gerne zu, wenn Menschen singen“, beschreibt Jens Bingert unprätentiös eine Leidenschaft. „Ob Solo oder im Chor, das gefällt mir. Ich mag auch Geigen und Oboen, aber die Stimme ist ein absolut pures Ausdrucksmittel.“ Obwohl er nach dem Studium bereits auf „einem guten Weg“ war, ein Dirigent von Format zu werden, entschied er sich für die Karriere als Chorleiter. „Als Dirigent ist man separierter, das ist nichts für mich.“
Theater ist Leben
Mit dem Engagement als Solorepetitor in Köln 2000 war alles klar: „Vom Theater möchte ich nie wieder weg.“ Der Startschuss um 19.30 Uhr, das ist seine Zeit. Das Gefühl, wenn der Vorhang aufgeht, sei großartig, „in meinem Empfinden hat Theater mehr Leben“. Solche konstruktiven Auseinandersetzungen mag er, der immer so in sich zu ruhen scheint und gelassen-höflich ist, „sehr gerne“.
Abends allerdings klappt der Mann, der als stilsicherer Vollblutmusiker gilt, gerne die Ohren zu, „ich höre selten zu Hause Musik“. Er ist vom Präsens fasziniert und Gegenwart gibt es in musikalischer Hinsicht für ihn beispielsweise nicht, wenn Musik von einer CD abgehört wird. „Da weiß ich vorher, wie es klingt. Ich mag das Live-Erlebnis.“ Das muss dann nicht perfekt, aber schön sein, um ihn zu berühren. Abstand von seinem Job ─ der ihm schon keine Zeit mehr lässt, selbst zu singen, wovon er manchmal träumt ─ Abstand von diesem mit Herzblut gelebten Beruf findet er im Garten. „Das ist mein Hobby. Mich entspannt es, wenn ich verblühten Löwenzahn zupfen kann.“ In so kontemplativen Aufgaben findet er Kraft für neue Herausforderungen. Und an denen mangelt es an den Wuppertaler Bühnen nicht.
Die neue Spielzeit wird mit Wagners „Fliegendem Holländer“ eröffnet, die „Lustige Witwe“, die schon in Solingen Premiere hatte, kommt ebenso. Bestimmt wird auch das „Emil"-Musical mit dem Kinderchor im November eines der Highlights der Saison. Die Kinder wollten unbedingt mal etwas Nicht-Klassisches machen. Ein weiterer Vorteil des wunderbaren Musikers, der eben nicht „nur“ auf Oper beschränkt ist, sondern vielseitig ist.
„Ich bin sehr gespannt auf das Oratorium ‚Nazım‘ von Fazıl Say, das wir im April 2012 in der Stadthalle zum ersten Mal in Deutschland spielen. Da braucht es einen großen Extrachor. Es sind salopp gesagt eine Art ‚türkische Carmina burana‘ - und der Chor steht ziemlich im Mittelpunkt. Ohne Jens würde ich das nicht auf den Spielplan setzen“, so Johannes Weigand.
Übrigens: Für den Extra-Chor werden immer wieder erfahrene Sänger gesucht. Mehr per Mail an jens.bingert@wuppertaler-buehnen.de
„Die lustige Witwe“ von Franz Léhar I R: Pascale Chevroton I Opernhaus Wuppertal I 15.10. 2011 (P) I 0202 569 44 44
„Nazim“ von Fazil Say I 1.4. 2012 I Stadthalle Wuppertal I 0202 569 44 44
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