Es gibt sie noch. Aber nur virtuell. Wer über Google-Maps nach der „Lettow-Vorbeck-Straße“ in Wuppertal sucht, dem wird tatsächlich ein Treffer angezeigt. Schon beim Eintippen wird der Straßenname automatisch ergänzt. Klickt man jedoch auf Return, wird man buchstäblich umgeleitet – auf die „Edith-Stein-Straße“. Lettow-Vorbeck: Wer nicht gerade Historiker ist und sich mit dem Personal des Kolonialismus und des ersten Weltkriegs auskennt, dem erscheint der Name zunächst unverfänglich. General Paul von Lettow-Vorbeck starb 1964 im stolzen Alter von 94 Jahren. Den Hoffnungen Zehntausender anderer Menschen in aller Welt, ebenfalls an Altersschwäche zu sterben, machte er jedoch einen dicken Strich durch die Rechnung. Zwischen 1900 und 1918 war er als General an der Aufrechterhaltung des reichsdeutschen Kolonialsystems in China und Ostafrika führend beteiligt. Aus heutiger Sicht war er gerade für Vertreter der Grünen und der Linken ein besonders brutaler und menschenverachtender Vertreter des deutschen Kolonialismus, der von China über Afrika bis nach Hamburg und Mecklenburg eine Blutspur hinter sich hergezogen haben soll. 1904 war er etwa als Adjutant des Generals von Trotha an der Ermordung von über 60 000 Herero, Männern, Frauen und Kindern in „Deutsch-Südwest-Afrika“, dem heutigen Namibia, beteiligt, 1920 am rechtsgerichteten Kapp-Putsch gegen die Weimarer Republik, der das Deutsche Reich an den Rand eines Bürgerkrieges brachte und die Reichsregierung zur Flucht aus Berlin zwang.
Einige Stadtväter merkten schon frühzeitig, dass der Name Probleme birgt. Bielefeld etwa wollte 1937, also noch deutlich zu Lebzeiten des Generals, eine Straße nach ihm benennen, ließ den Plan jedoch fallen. Allein in der zweiten Hälfte der 40er Jahre wurden in etlichen Städten Lettow-Vorbeck-Straßen umbenannt. In späteren Jahren wurde die Nummer komplizierter. Hannover etwa benannte ihre Straße 1980 nicht um – aus Kostengründen. Ein bekanntes Argument. Seit 2009 schwebt das Verfahren erneut. Auch in Wuppertal ging die Angelegenheit nicht von einen auf den anderen Tag über die Bühne, sondern schwebte über den Köpfen der Einwohner wie ihre Schwebebahn bei Stromausfall. In der Vohwinkeler Bezirksvertretung sorgte sie für viel Streit zwischen den Fraktionen. Linke, Grüne und später auch die SPD waren für eine Umbenennung, CDU und FDP dagegen. Historiker wurden eingeschaltet, Lettow-Vorbeck zwischenzeitlich „entlastet“, dann, als die Bürger des Ortsteils zugunsten einer Umbenennung abstimmten, ging der Streit weiter: Wie sollte die Straße stattdessen heißen? Nach langem Gerangel wurde vor zwei Jahren der Vorschlag des Pfarrgemeinderats der katholischen Kirchen im Wuppertaler Westen angenommen, die Straße wurde nach der von den Nazis ermordeten Philosophin Edith Stein benannt. Damit war Wuppertal eine der letzten Städte, die dem Ansinnen der „Verdienste“ Lettow-Vorbecks ein Ende setze. Übrig sind noch Hannover, Mönchengladbach, Halle (Westfalen), Bünde, Cuxhaven und Delmenhorst.
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