Die Älteren unter uns werden sich erinnern: In „Zurück in die Zukunft“ ereifert sich Tüftler-Genie Doc Brown über den ulkigen jungen Neuankömmling anno 1955. Dieser verwendet den Begriff „stark“ nicht im herkömmlichen Sinn für kräftig oder belastbar, sondern für brillant, toll, klasse. Für uns heute eine selbstverständliche Sinnerweiterung, für den Zeitgenossen vergangener Epochen schlicht eine Zumutung.
Womit wir beim Fußball wären. Nein, es soll hier nicht um den DFB, seine Schiedsrichter und das Einmaleins der Steuererklärung gehen. Uns interessiert die inflationäre Verwendung des Begriffs „hart“. Der vergangene Spieltag war mal wieder „hart“ – irgendwie und für jedermann.
Selbstverständlich ist auch hier die Sinnerweiterung über das Gegenständliche hinaus gemeint: Jemand oder etwas ist hart im Sinne von brutal, grausam, erbarmungslos. Das traf vor allem mal wieder auf die Kölner zu. Es gehört halt zur rheinischen Seele, bei der Vergabe von Schicksalsschlägen immer gleich die Hand zu heben. In der ersten Halbzeit trafen sie Werder hart ins Mark mit zwei überraschenden Toren. Im zweiten Durchgang waren sie es dann, die hart getroffen wurden.
Das Schicksal hört in Bremen schon länger auf den Namen Claudio Pizzaro. Drei Tore lieferte der Pizza-Man, wie ihn mancher Fan inzwischen liebevoll nennt, in einer Halbzeit und schickte den FC auf die Verliererstraße – echt hart der Mann. Der FC wiederum sah sich außerdem durch Schiedsrichter Michael Weiner hart getroffen: Erst verweigerte er einen Elfmeter nach Naldos Handspiel, auf der Gegenseite wertete er wenige Minuten später Serenos Eingreifen gegen Rosenberg als Notbremse: Platzverweis und Strafstoß. Echt hart!
Während die Kölner schließlich mit neun Mann auf dem Platz eine harte Niederlage einstecken mussten, konnte Werder eine echt harte Aufholjagd feiern. Ähnliches gab es aus den übrigen Stadien zu vermelden: die Aufholjagden von Mainz und den Hamburgern, wirklich hart, vor allem für Stuttgart und Leverkusen; das späte Tor der Freiburger – ganz hart für die Nürnberger. Und Wolfsburgs Klatsche in Dortmund: super hart, gemessen an Magaths Ansprüchen.
Wie wir sehen: Der Wechsel der Perspektive macht mindestens zweimal den Einsatz von „hart“ für jede Szene, jedes Tor und jedes Ergebnis möglich. Einfacher ist es da mit dem gesprochenen Wort über die Dinge. Da wird der Deutungsspielraum gern gleich halbiert.
Prominentes Beispiel ist jemand, der selbst gar nicht auf dem Platz ran durfte: Jerome Boateng vom FC Bayern. Rot-gesperrt nach seinem Schubser gegen Hannovers Christian Schulz, blieb immerhin Zeit für ein Interview. Der Verteidiger, der mal innen, mal auf der rechten Abwehrseite spielt, gab nun im „kicker“ seine Einschätzungen zum Besten.
So auf die an sich schon harte Frage „Mögen Sie die Rotation?“ Antwort Boateng: „Kommt darauf an, ob ich betroffen bin.“ Schöner, pardon: härter geht’s nicht. Oder zur Frage, wer denn bei den Bayern den Abwehrchef und also mehr Anweisungen auf dem Platz geben solle. Boateng: „Jeder spricht ein bisschen, Philipp Lahm viel. Wenn ich innen spiele, habe ich das Gefühl, dass ich mehr spreche. Vielleicht liegt es rechts daran, dass ich keine Puste mehr habe vom Hoch- und Runterrennen …“
Schließlich ein Problem, das ganz Fußball-Deutschland noch bewegen wird: Die Frage, was die beiden Trainer des Münchener Millioneneinkaufs zu seinen riskanten Grätschen sagen. „Ja, da muss ich aufpassen. Wenn ich sie mache, muss ich mir zu 100 Prozent sicher sein“, meint Boateng. „Löw und Heynckes sagten, das müsse ich verbessern.“ Nachfrage: Wie genau? Antwort: „Ich soll möglichst gar nicht grätschen, das ist die Anweisung.“
Und das ist einfach nur ganz hart. McFly?! Schmeiß den DeLorean an – wir fahren zurück in weniger harte Zeiten!
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