In kaum einer anderen Stadt des Ruhrgebiets leben so viele türkischstämmige Einwohner wie in Dortmund. Jetzt greift die Stadt Dortmund zum zweiten Mal auf ein interkulturelles Programm zurück, das in Stadtteilen wie der Nordstadt lange schon zelebriert wird – nicht zuletzt als Prävention. Ein Überwachungsvideo suchte sich wie ein Lauffeuer seinen Weg in die Schlagzeilen: „Dortmund-Fans hissen Nazi-Plakat“ titelt Focus Online, mit Berufung auf Berichte der WAZ und der Bild. Eine Nachricht, die nicht nur „beschämend“ ist für den Ballspielverein, wie von Seiten der Fan-Abteilung mitgeteilt wurde, sondern auch für die Stadt Dortmund, die ihren schwarz-gelben Erfolgsverein gerne vor den Karren spannt.
Das Banner bekundete eine „Solidarität mit dem NWDO“, jenem Nationalen Widerstand Dortmunds, aufgrund dessen das Oberverwaltungsgericht in Münster den geplanten Nazi-Aufmarsch verbot und damit im Sinne der Mehrheit der Dortmunder Bürger entschied.
Die akute Thematik des Nazismus konnte auch nicht am interkulturellen Festival der Stadt Dortmund „Merhaba Heimat“ spurlos vorübergehen. So begann das Programm am 3.9. gleich mit einem Derwisch-Abend, der als „Friedenstanz“ die Verbindung beider Kulturen einleiten sollte, weiß Kulturreferentin Öykü Özdencanli zu berichten. Für sie kann so ein Festival „die schönste Präventionsarbeit“ darstellen.
Aber wie die Vergangenheit beweist, kann der Begriff Interkultur weniger von großen Kulturkonferenzen und Ministerrunden leben denn durch Begegnungen und einen Austausch vor Ort. In der Praxis heißt das aber auch, den anderen kennenzulernen – samt kulturellem Hintergrund. Der werde bei „Merhaba Heimat“ musikalisch, künstlerisch oder auch mal witzig dargestellt – wie in der Ausstellung „50 Jahre – 50 Karikaturen“, die im Dietrich-Keuning-Haus zu sehen ist. Generell solle „es schon Spaß machen“, so Özdencanli. Mit mehreren geladenen Künstlern aus Istanbul und Ankara hat man sich auch ein entsprechendes „künstlerisches“ Profil zugelegt. Geschärft wird dieses unter anderem durch Projekte wie die Ara Güler-Schau in der Stadtkirche St. Petri. Zur Ausstellungseröffnung über den „Fotograf des Jahrhunderts“ in der Türkei reisen sowohl der türkische Botschafter wie auch Istanbuls Bürgermeister Ahmet Misbah Demircan an.
Man muss hinter „Merhaba Heimat“ aber keine Werbeplattform für den langjährigen EU-Anwärter erwarten. „Regierungskritische Filme“ verspricht Öykü Özdencanli mit Blick auf das zweite türkische Filmfestival. Neben deutschen Besuchern bekämen hier auch türkischstämmige Bürger einen neuen Einblick in ihre, wenn auch nicht reale, so doch häufig kulturelle Heimat. „Autorenfilme werden natürlich selten in normalen, deutschen Kinos gezeigt“, weiß Fikret Günes, Programmleiter des Festivals, zu berichten. Er selbst bringt mit „Lal Gece“ (Die Nacht der Stille) und „Bizim Büyük Çaresizliğimiz“ gleich zwei Berlinale-Teilnehmer der letzten beiden Jahre auf die Leinwand. „Gerade in Bezug auf die demokratische Auseinandersetzung“ im Lande würden diese Filme „diverse Blickwinkel“ anbieten, so Günes. Das Interesse für die Türkei soll unabhängig von Kulturen geweckt werden. Gleichwohl ist sich Özdencanli klar, dass für die Deutsch-Türken die Identifikation mit Künstlern aus Deutschland größer ist. Aber der Versuch, „Probleme künstlerisch“ darzustellen, biete einen anderen Zugang als das Eiltempo der täglichen Nachrichten – ideal also zum Kennenlernen der Türkei. Schade nur, dass sich dies noch nicht in der Unternehmenskommunikation der Konzerne durchgesetzt hat. „Es gibt kaum Sponsoren“, berichtet Özdencanli. Damit nicht der Begriff „Interkultur“ verwässert wird wie einst „Multi-Kulti“, braucht es aber weiterhin Engagement – nicht zuletzt, um solche unverbesserlichen Bannerschwenker des Stadions zu verweisen.
Merhaba Heimat | 3.-27.9. | an verschiedenen Orten in Dortmund | www.dortmund.de
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