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Édouard Louis
Foto: Jerome Bonnet

Beharrliches Unglück

04. April 2022

„Die Freiheit einer Frau“ von Édouard Louis – Klartext 04/22

Sein Debütroman „Das Ende von Eddy“ (2015) machte den damals gerade einmal 22-jährigen Édouard Louis schlagartig zum internationalen Literatur-Shootingstar. Mit schonungslos ehrlicher Nüchternheit beschrieb er darin die prekären Umstände seiner Jugend in einem kleinen Ort in der französischen Picardie. Damit reihte er sich ein in eine literarische Tradition, die bereits erfolgreich von Schriftstellern wie Annie Ernaux („Die Jahre“) oder seinem Mentor Didier Eribon („Rückkehr nach Reims“) beschritten wurde: autofiktionales Erzählen, bei dem die persönliche Herkunft in allgemeinere soziologische Betrachtungen über Klassenverhältnisse eingebettet wird.

Louis verfasste zuletzt mit „Wer hat meinen Vater umgebracht?“ (2019) ein Portrait über seinen Vater und zugleich eine Streitschrift, mit der er die französische Politik unverhohlen angriff. Sein neues Buch „Die Freiheit einer Frau“ widmet sich nun seiner Mutter, ungleich zärtlicher, subtiler und dadurch tiefschürfender. Alles beginnt mit der Betrachtung einer alten Fotografie, die sie als junge Frau zeigt und Louis daran erinnert, dass „die Zerstörung ihrer zwanzig Lebensjahre nichts Natürliches war, sondern auf das Einwirken von Kräften außerhalb meiner Mutter zurückging – Gesellschaft, Männerwelt, mein Vater – und dass folglich alles auch hätte anders gewesen sein können.“ Von der Anklage nimmt Louis sich selbst nicht aus, was die Lektüre umso schmerzhafter macht.

Erstrangig wird jedoch durch seine Augen die Geschichte einer Frau erzählt, der durch die Rahmenbedingungen, in die sie hineingeboren wurde, Perspektiven fehlten. Louis zeichnet ihr zumeist trostloses Leben mit entsprechendem Fatalismus nach: die erstickten Sehnsüchte und Bedürfnisse, die omnipräsente Scham, die Bitterkeit der Armut sowie das „beharrliche Unglück“. Wie sich seine Mutter an der beispiellosen Emanzipationsgeschichte ihres Sohnes inspiriert und ihre Träume verwirklicht, ist ebenso beeindruckend wie einst Eddys Milieuflucht. Angesichts des Mutes, den es erfordert, einen solchen (Selbst)Reflexionsprozess zu durchleiden, verzeiht man gerne den einen oder anderen hochgegriffenen Einsprengsel. Sein neuester Seelenstriptease ist kraftvoller denn je und destilliert die feinen Unterschiede heraus, von denen schon sein Vorbild Bourdieu schrieb.

Édouard Louis: Die Freiheit einer Frau | S. Fischer Verlag | 96 S. | 17 €

Nathan Brohammer

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