In dieser Zukunftsvision geht es um Architektur als zukunftsbildende Disziplin. Die Architektin Sara Makina will einen Entwurf für den Wettbewerb um den ‚Tokyo Sympathy Tower‘ einreichen – ein neuartiges Konzept, um Bürger:innen zu beherbergen, die aufgrund ihrer Lebensumstände kriminell wurden. Als sie das Gebäude skizziert, malt sie sich dessen Wirkung auf Tokyo aus. Im Setting des Romans ist zudem das Nationalstadion für die Olympischen Spiele in Tokyo gemäß dem Entwurf von Zaha Hadid realisiert worden, dessen mögliche Auswirkungen auf das Stadtbild in der Kritik standen. In der Realität wurde der Entwurf nicht umgesetzt. Der fiktive, von der Protagonistin entworfene Turm orientiert sich stark an diesem Stadion. So kann der Roman als Hommage an Hadid gelesen werden.
Ein ‚Gefängnis‘ ist der Turm eher weniger, vielmehr erscheint dieses Konzept im Jahr 2030 überholt. Der Turm soll allerhand Komfort bieten – und Empathie ist das Stichwort, seinen Bewohner:innen zu begegnen. Die Protagonistin will eigentlich keine Haltung dazu entwickeln und sich nur für die Hülle zuständig fühlen. Dennoch stört sie sich an dem – politisch festgelegten – englischsprachigen Namen für den künftigen Turm und reflektiert Interessen hinter Begrifflichkeiten.
Rie Qudan machte durch ihre Nutzung künstlicher Intelligenz (KI) beim Verfassen des Romans Schlagzeilen und zeigte sich überrascht von der Debatte um Urheberschaft, die ihre Bemerkungen dazu auslösten. Für sie ist KI Teil des kreativen Prozesses, denn genau die Passagen sind mit dem Hilfsmittel verfasst, die im Roman einen fiktiven Dialog mit einer KI schildern. Diskriminierende Sprache, Selbstzensur und eine KI, die zu ungebetenen Erklärungen neigt, werden gewitzt kritisiert. Auch in Perspektivwechseln ergründet der Roman, wie Sprache Wirklichkeit prägt. Mangelnde Selbstkritik von KI und menschliche Frustration zeichnen sich dabei ab, doch für einen Roman mit einem Empathie-Konzept im Zentrum bleibt die Handlung vergleichsweise emotionslos. Häufige Perspektivwechsel tragen zudem dazu bei, dass Handlungsstränge nicht auserzählt werden. Die Überlegungen, wer wie über etwas spricht, sind aber zweifellos interessant, das Buch bietet viele Denkanstöße.
Tokyo Sympathy Tower | Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe | Hoffmann und Campe | 160 S. | 23 Euro
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