Kinokalender
Mo Di Mi Do Fr Sa So
2 3 4 5 6 7 8
9 10 11 12 13 14 15

12.684 Beiträge zu
3.892 Filmen im Forum

Marko Dinić
Foto: Apollonia Theresa Bitzan

Roman eines Nachgeborenen

01. September 2025

„Buch der Gesichter“ von Marko Dinić – Literatur 09/25

1942 wird Belgrad für „judenfrei“ erklärt. Rund um den Tag dieser Erklärung baut Marko Dinić eine sorgfältig konstruierte „Postmemory-Novel“ auf. Auf verschlungenen Wegen geht es in acht Kapiteln aus acht verschiedenen Perspektiven durch Zemun und Belgrad. Hier wird aus dem jüdischen Isak angesichts der Okkupation Serbiens nunmehr Ivan, der nach dem Verschwinden seiner Mutter einen serbischen Namen annimmt und bei einer Pflegefamilie lebt. Wie im Fiebertraum ist eine atemlose Schilderung der Gräueltaten im Konzentrationslager Jasenovac zu lesen, zugleich sucht der Hauptprotagonist Ivan/Isak Ras das titelgebende „Buch der Gesichter“ und damit die Spuren seiner Vergangenheit in Zemun. Anarchisten und Partisanen verfolgen eigene Ziele, während ein in dieser Zeit aufwachsender junger Mensch „keine Erinnerung mehr an den Frieden“ hat. Ein Zeitzeuge und ein Suchender gehen gemeinsam über das Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Sajmište. Nach und nach setzt Dinić in den fragmentierten und nicht linear erzählten Episoden die Puzzlestücke zusammen, was genau es mit dem „Buch der Gesichter“ auf sich hat, welches Erbe es bedeutet und welche Figur dabei welche Rolle spielt.

Im Interview mit seinem Verlag schildert Dinić seine Motivation, diesen Roman zu schreiben, um die „noch ungenügend literarisierte Geschichte der serbischen Juden respektive ihres Verschwindens, also ihrer Ermordung zu erzählen“. Dinić fragte sich, wie „man als Nachgeborener einen Roman über die Shoah“ schreibe, und bedient sich von Regieanweisungen („Šimon ab.“) bis zum Kompendium jüdischen Lebens in Südosteuropa verschiedener Stile und Verweise. Eine Figur namens Mirko Dinić baut der Autor als ‚fleißigen‘ Helfer der Okkupation ein und lässt die Namensähnlichkeit bewusst auf Lesende wirken. Hier stellen sich Fragen nach der eigenen Rolle in einer anderen Zeit, nach dem, was Menschen zu Tätern macht, und wie Betroffene und Nachfahren damit umgehen können. Wissen um jüdische sowie südosteuropäische Kultur und politisches Zeitgeschehen ist hilfreich, da Dinić viele Ausdrücke ohne weitere Erklärung in den Fluss seiner Erzählung aufnimmt. Im Glossar lassen sich diese Ausdrücke aber auch nachschlagen.

Marko Dinić: Buch der Gesichter | dt. Originalausgabe | Zsolnay | 446 S. | 25 Euro

Melanie Schippling

Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen?
Als unabhängiges und kostenloses Medium ohne paywall brauchen wir die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser. Wenn Sie unseren verantwortlichen Journalismus finanziell (einmalig oder monatlich) unterstützen möchten, klicken Sie bitte hier.

Neue Kinofilme

Other Mommy

Lesen Sie dazu auch:

Eine Liebesgeschichte
„Das Herz im Winter“ von Kevin Barry – Textwelten 11/26

Mit dem Unvorhersehbaren leben
Ein sehr persönliches Programm zum Thema Epilepsie

Alle deine Geheimnisse
Thriller-Lesung im SG: Cobra

Naturgewalten
„Das Unwetter“ von David Wautier – Vorlesung 10/26

Wie viel Wut ist genug?
„Honey“ von Imani Thompson – Literatur 10/26

Odyssee eines Spielzeugs
„Das Puppenhaus auf dem Schiff“ von Thomas Harding / Anna Sarfatti und Britta Teckentrup – Vorlesung 09/26

Mauer des Schweigens
„Eine einfache Wahrheit“ von Corinna Krenzer – Literatur 09/26

Orgasmus in der Küche
„Auf den Bildern“ von Annie Ernaux und Marc Marie – Textwelten 09/26

Kater mit schlitzohrigem Charme
„Fred“ von Posy Simmonds – Vorlesung 09/26

Verglimmende Hoffnung
„Zündhölzer“ von Yevgenia Belorusets – Literatur 08/26

Das Unaussprechliche des Familienlebens
„Vertraute Gespenster“ von Anna Ruchat – Textwelten 08/26

Auf sich gestellt
„Wir gehen mal los“ von Raffaella Romagnolo – Literatur 07/26

Die eigene Karte als Kompass
„Ich mal mir meine Welt“ von Nicola Davies – Vorlesung 06/26

Schule mit Herz und Humor
„Shrimpie und ich“ von Moni Port und Claudia Weikert – Vorlesung 06/26

Kalter Krieg im Ruhrpott
„Weiße Westen, schwarze Nächte“ von Sabine Hofmann – Literatur 06/26

Literatur.