Sie ist nicht mehr bei ihnen und seitdem ist für die kleine Familie, bestehend aus Vater und zwei Söhnen, alles anders, während die drei sich an einem normalen Alltag versuchen. Doch sie, die Mutter, fehlt zu sehr, als dass das funktionieren würde. Amedeo, der ältere Sohn, geht nicht mehr zur Schule. Sein Vater versucht es mit Regeln, mit Strenge. Doch er dringt kaum zu Amedeo durch. Eines Tages zieht er seinem Sohn daher die Kopfhörer samt Handy weg und verdonnert ihn zu einer gemeinsamen Wanderung: Keine Ablenkung, keine Flucht in digitale Räume, nur die Natur, Vater und Sohn. Amedeos Protest ändert nichts daran und so machen sie sich kurz darauf auf den Weg. Sie beginnen den Aufstieg zu einer Hütte, wollen dort übernachten, am nächsten Tag den Gipfel erklimmen und wieder absteigen. Doch es kommt ganz anders. Was als Erziehungsmaßnahme beginnt, wird unverhofft zu einer Reifeprüfung, als ausgerechnet nach einem versöhnlichen nächtlichen Gespräch über den Verlust der Mutter durch einen Autounfall der Vater am nächsten Tag einen Unfall in den Bergen hat.
Es ist eine kurze Erzählung, die einen ganz eigenen Zauber entfaltet. Die Autorin fasst die Widerborstigkeit des Jungen herrlich in Worte und lässt ihren Protagonisten sich stets seinen Teil denken, wenn sein Vater etwas sagt, das ihm nicht passt. Nie springt die Begeisterung des Vaters für diese Tour auf den Sohn über und doch nähern sie sich über ihre Unterschiede hinweg einander an. Romagnolo entwirft in klaren Bildern und Szenen die Einsamkeit und Ehrfurcht vor den vor ihnen liegenden Herausforderungen, die sie wieder zu einem Team werden lassen. Vor allem die pointiert beschriebene Bockigkeit, mit der der Junge dem Berg anfangs begegnet, beugt sich bald den Gegebenheiten der Natur. Ein Klettersteig flößt ihm Respekt ein, ähnlich wie die Begegnung mit einem Steinbock. Zugleich stecken die Szenen und eingestreuten Erinnerungen des Jungen voller liebevoller Details darüber, was die Eltern ihren Söhnen bis hierhin mitgegeben haben. Empathisch beschreibt Romagnolo, wie die Figuren sich ihren großen und kleinen Ängsten stellen und auch in Abwesenheit füreinander da sind, auch wenn sie nicht immer die richtigen Worte dafür finden.
Raffaella Romagnolo: Wir gehen mal los | A. d. Ital. v. Peter Klöss | Diogenes | 176 S. | 24 Euro
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