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Claudio Magris
Foto: Peter-Andreas Hassiepen

Die Hölle im Vorort

26. Mai 2017

Wozu sind Menschen fähig – im Guten wie im Bösen? – Textwelten 06/17

In Triest konnte ihn jeder sehen, den Rauch, der nach Menschenfleisch roch. Denn das einzige Konzentrationslager auf italienischem Boden befand sich im Vorort San Sabba. Das Fabrikgebäude der Reismühle – die Risiera – besaß einen Ofen, in dem Geiseln, Partisanen oder jüdische Bürger verbrannt wurden. Wie kann man einer so bedrängenden Realität ausweichen, wo doch jeder in der Stadt wusste, was dort geschah? Es ist möglich, in Deutschland etwa konnte einer der SS-Kommandanten des Lagers nach dem Krieg unbehelligt weiterleben. In Triest machte man Geschäfte mit der Kommandantur oder vergnügte sich mit den deutschen Offizieren bei eleganten Abendunterhaltungen.

Manchmal glaubt man das Fibrieren des Zorns in der Stimme von Claudio Magris hören zu können, wenn der Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, in seinem neuen Roman über jene Zeit spricht. Das Buch des Triestiners trägt den programmatischen Titel „Verfahren eingestellt“ und erzählt von zwei Personen. Da ist zunächst ein Sammler von historischem Kriegsgerät, der von der Haubitze bis zum U-Boot alle Gerätschaften zusammenträgt, mit denen Menschen getötet werden können. Er plant ein Museum, „das der Dokumentation des Krieges gewidmet ist, um den Frieden zu preisen“. Ein edles Unterfangen, dessen obsessive Aktivität freilich unter der Hand auch von der Faszination für die Tötungsmaschinen berichtet. Die Obsession ist ihm bewusst und er glaubt sie durch die Suche nach den Namen der Mörder hinter sich lassen zu können, die in die Mauern der Risiera geritzt wurden. Jemand hat die Wände jedoch gekälkt und der Museologe verbrannte eines nachts inmitten seiner Sammlung. Eine junge Kuratorin wird beauftragt, die Exponate zu ordnen. Sie stammt aus einer jüdischen Familie, in der nur die Mutter als Kind die Deportation überlebte. Von der Großmutter wird behauptet, dass sie eine Verräterin gewesen sei. Wahrheit oder üble Nachrede?

Magris schreibt: „Ich kämpfe nicht gegen das Vergessen, sondern gegen das Vergessen des Vergessens… In Triest sehe ich in jeder Straße den Rauch, den man nicht sehen wollte.“ Der Roman stellt sich als gigantisches Fresko zahlreicher Schicksale und Szenen dar, in denen der Krieg im Grunde nur der Auslöser ist, um zu zeigen, wozu Menschen in der Lage sind – im Guten wie im Bösen. Der naiven Vorstellung, dass jemand für die Gewalt und die Verbrechen, die er in der Vergangenheit verübt hat, zur Rechenschaft gezogen würde, gibt sich der Erzähler nicht mehr hin. Dennoch erklärt sich die Gegenwart nicht ohne den Blick auf den Opportunismus, mit dem das Morden vertuscht und damit zu einer Angelegenheit wurde, die ihre Fühler bis in unsere Gegenwart ausstreckt. Magris verwebt die mythische Dimension der Zeit in seine Erzählstimme, ein Stilmittel, mit dem man sich akklimatisieren muss. Aber wer einmal mit Hilfe der eleganten Übersetzung von Ragni Maria Gschwend in diesen Stoff Eingang gefunden hat, wird mit herzzerreißenden Geschichten und wundervollen Erzählbildern belohnt. Tatsächlich ist Claudio Magris dem exzentrischen Sammler begegnet und sein Wissen um die Genese Triests ist unübertroffen faszinierend.

Claudio Magris: Verfahren eingestellt | Aus dem Italienischen von Ragni Maria Gschwend | Hanser | 400 S. | 25 €

Thomas Linden

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