Dijana wird von allen nur „Sohn“ genannt. Als ihr Vater sich von einem Herzinfarkt erholt und kurz darauf die Belagerung Sarajevos beginnt, übernimmt sie das Kommando in der Familie. Monate später folgt sie ihrem Vater als Soldatin an die vorderste Front, um ihre Stadt zu verteidigen. Ihre Schwester Dada hingegen ist zart wie ein Schneeflöckchen, sie wird während der Kriegsjahre ein ums andere Mal von Dijana gerettet. In all dieser Zeit verläuft die Front auch auf perfide Art zwischen Frauenschenkeln.
Im Roman erleben beide Schwestern ihre erste Liebe im Krieg, während der Ausgang dieser Geschichten kaum verschiedener sein könnte. Weil Dijana als starke, unabhängige Persönlichkeit zurechtkommt, wird sie unsichtbar – Aufmerksamkeit im Chaos gilt oft denen, die offensichtlicher leiden. Sarajevos Bewohner:innen erlebten in der Belagerungszeit viel zu oft das Fallen anderer neben sich auf den Kreuzungen, die Schüsse der Scharfschützen machten das Überqueren vieler Straßenzüge lebensgefährlich. Es ist die gleiche Sprache, die sie alle sprechen, doch ehemalige Nachbar:innen bringen einander nun um. Viele leiden in der Folge an Traumata; die Nachkommen sehen oft das Auswandern als Chance, sich diesem Erbe zu entziehen. Der sogenannte „brain drain“, das Abwandern einer gut ausgebildeten Bevölkerungsgruppe, besteht allerdings nicht nur aus Gehirnen. Berbos Roman zeigt, dass mit den wegziehenden Menschen auch die Lebensfreude der Gebliebenen schwindet.
Der Roman ist voller Brutalität und Verzweiflung, ohne lässt sich die Belagerungszeit nicht schildern. Doch darin, wie die Figuren diesen Geschehnissen trotzen, liegt die Kraft der Geschichte, die zum einfühlsamen Porträt von Figuren wird, deren Leben anders hätte verlaufen können. Berbo richtet zudem den Blick darauf, wie die Überlebenden die internationalen Hilfstruppen und die Touristen nach dem Krieg wahrnehmen. „Kriegsporno“ ist das Schlagwort des Romans, um das Zusehen zu beschreiben – sowohl in Bezug auf die nicht eingreifenden UN-Soldaten als auch die Menschen, die dem „dark tourism“ nach Kriegsende nachgehen und Kugelschreiber aus Kugeln, die während der Belagerung abgefeuert wurden, als Souvenirs kaufen.
Vernesa Berbo: Der Sohn und das Schneeflöckchen | Deutsche Originalausgabe | Frankfurter Verlagsanstalt | 448 S. | 26 Euro
Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen?
Als unabhängiges und kostenloses Medium ohne paywall brauchen wir die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser. Wenn Sie unseren verantwortlichen Journalismus finanziell (einmalig oder monatlich) unterstützen möchten, klicken Sie bitte hier.

Die Unendlichkeit erleben
„Liebe“ von Thomas Hettche – Textwelten 04/26
Poetischer Schlagabtausch
MitchMax im Loch
Ungehörte Stimmen
Mehrdad Zaeri und Julia Wolff auf der Insel
Das Glück der Stiefel
„Die gelben Gummistiefel“ von Isabel Pin – Vorlesung 03/26
Auf den Spuren des Honigs
„Ivy und Bärlock Holmes. Fall 1: Die rätselhafte Blume“ von Kristyna Litten – Vorlesung 03/26
Beziehungen
„Du findest mich, wenn du willst“ von Lavinia Branişte - Literatur 03/26
Atem eines großen Erzählers
„Wintermythologien“ von Pierre Michon – Textwelten 03/26
Unwiderstehlicher kleiner Drache
„Da ist besetzt!“ von Antje Damm – Vorlesung 02/26
Schmunzeln und Mitgefühl
„Opa Bär und die Schuhe im Kühlschrank“ von Anne und Paul Maar – Vorlesung 02/26
Glück und Unglück
„Niemands Töchter“ von Judith Hoersch – Literatur 02/26
Exzentrik kann zärtlich sein
„Mitz. Das Pinseläffchen“ von Sigrid Nunez – Textwelten 02/26
Bewusst blind vor Liebe
„Mama & Sam“ von Sarah Kuttner – Literatur 01/26
Beziehungen sind unendlich
„Schwarze Herzen“ von Doug Johnstone – Textwelten 01/26
Jenseits des Schönheitsdiktats
„Verehrung“ von Alice Urciuolo – Textwelten 12/25
Nicht die Mehrheit entscheidet
„Acht Jahreszeiten“ von Kathrine Nedrejord – Literatur 12/25