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Die Autorinnen Maren Röger und Miriam Gebhardt
Fotos: privat (l.)/© Dipl.-Ing. Oliver Rehbinder (r.)

Die Verbrechen der Freunde

24. Juni 2015

Die Aufdeckung der Massenvergewaltigungen des 2. Weltkrieges verändert unser Geschichtsbild – Textwelten 06/15

Wie nützlich Gedenktage doch sein können. Die Jubiläen zum Kriegsende vor 70 Jahren bestanden ja nicht nur aus Veteranentreffen in der Normandie und Moskau, sondern auch aus Veranstaltungen, die an die Befreiung der KZs erinnerten. Mit der Kapitulation Nazi-Deutschlands und der zum Teil im Westen wie im Osten empfundenen Befreiung ging jedoch auch eine Welle der Gewalt über das besetzte Land hinweg. Besser gesagt über seine vor allem weibliche Bevölkerung. Sehr zurückhaltende Schätzungen der Historikerin Miriam Gebhardt gehen von 860 000 Vergewaltigungsopfern aus. Eine enorme Zahl. Nach der Eroberung Deutschlands setzten sich die Massenvergewaltigungen während der Besatzungszeit bis über das Jahr 1955 hinweg fort. Der Preis für die Niederlage waren nicht nur die zerstörten Städte, sondern auch die Gewalt an der schutzlosen weiblichen Bevölkerung.

Schon während der Feldzüge der Roten Armee im Osten wie der US Army im Westen war es zu Vergewaltigungen gekommen, in Deutschland wurden sie jedoch mit einer weit größeren Brutalität verübt, wie Miriam Gebhardt feststellen konnte. Ihr Buch „Als die Soldaten kamen“ betrachtet dieses Thema aus vielerlei Perspektiven und befreit es dadurch von allen politischen, moralischen und historischen Relativierungen. Was haben die Deutschen in ihren Besatzungsjahren in den Nachbarländern angestellt? Diese Frage stellt sich sofort. Und es gibt sogar Antwort darauf. Denn Maren Röger zeigt in ihrer Untersuchung „Kriegsbeziehungen. Intimität, Gewalt und Prostitution im besetzten Polen 1939 bis 1945“ mit präziser Recherche, wie die deutschen Besatzer ihre Verfügungsgewalt über die polnische Bevölkerung organisierten. Ein von Beginn an organisiertes System von Zwangsprostitution und ein Netz von Bordellen wurde angelegt. Rögers Buch betrachtet darüber hinaus auch Fälle, in denen die Gewalt öffentlich vollzogen wurde. Ein Aufrechnen des Unrechts kann es nicht geben, da jedes Schicksal ein Einzelschicksal ist, wer relativierend argumentiert, macht sich zum Komplizen der Täter, egal an welcher Front.

In sieben Jahrzehnten ist über diesen Aspekt des Krieges fast nie gesprochen worden. Wir Deutschen wurden nicht mit den Massenvergewaltigungen konfrontiert, die die Großväter als Soldaten in der Fremde begingen. Womit die Wehrmacht wohltuend von der SS abgerückt werden konnte. In der DDR konnte man die Sowjets nicht anklagen und in Westen nicht die Amerikaner, Briten und Franzosen, alles Brudervölker, mit denen man nun seine Zukunft verbringen wollte. Gleich einem Gründungsmythos des neuen Staates scheint die Gewalt, die dem weiblichen Teil der Bevölkerung angetan wurde, wie ein Schweigepakt funktioniert zu haben. Das Schweigen verband alle, die Männer, die sich ihrer Machtlosigkeit bewusst werden mussten, und die Frauen, die Ihre Familien nicht behelligen konnten, weil niemand von ihren Erlebnissen wissen wollte. Sprachlosigkeit allerorten.

Die beiden Bücher sind nicht alleine deshalb von großer Bedeutung, weil sie ausgezeichnete Untersuchungen darstellen, wobei Miriam Gebhardt noch einmal durch die Eleganz und Gewandtheit ihrer Sprache und Maren Röger durch die verblüffende Detailfülle, mit der sie Einzelfälle ans Licht holt, bestechen. Diese beiden Untersuchungen verändern grundlegend den Hintergrund, vor dem wir uns in Zukunft die Geschichte des Krieges, des Kriegsendes und der Wirtschaftswunderjahre erzählen müssen. Die Gewalterfahrung der Frauen ist ins Gebälk des gesellschaftlichen Gebäudes gesickert, nur wollte es niemand sehen. Die verklemmten 50er Jahre, die Sprachlosigkeit gegenüber allen sexuellen Themen und das mühsam durch männlich-autoritäres Gehabe aufrechterhaltene Geschlechterbild, dessen Wurmstichigkeit dann in den 60er Jahren aufgedeckt werden konnte, erklärt sich zu einem Teil auch aus der Traumatisierung der Besatzungszeit. Traumen werden weitergegeben an Kinder, wobei die Kindergeneration oftmals nur verständnislos vor dem Verhalten der Eltern und den eigenen Wiederholungen dieser Muster steht. Geredet werden kann erst mit der Enkelgeneration, vielleicht liegt darin auch ein Grund dafür, dass nun nach 70 Jahren auch dieser Schatten der Vergangenheit ausgeleuchtet wird.

Miriam Gebhardt: „Als die Soldaten kamen. Die Vergewaltigung deutscher Frauen am Ende des Zweiten Weltkriegs“ | DVA | 352 S. | 22,70 €

Maren Röger: „Kriegsbeziehungen. Intimität, Gewalt und Prostitution im besetzten Polen 1939 bis 1945“ | S. Fischer | 304 S. | 24,99 €

Thomas Linden

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