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Auf der anderen Seite

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Deutschland 2007, Laufzeit: 122 Min., FSK 12
Regie: Fatih Akin
Darsteller: Baki Davrak, Tuncel Kurtiz, Nurgül Yesilcay, Hanna Schygulla, Patrycia Ziolkowska, Nursel Köse

Nach seinem letzten Spielfilm „Gegen die Wand“ vereint Fatih Akin nun sechs Schicksale zu einer filmischen Wanderung zwischen Hamburg und Istanbul. Großartige Darsteller tragen das Drama, in dem dieses Mal leisere Töne dominieren.

Die Türkin Yeter (Nursel Köse) arbeitet in Hamburg als Prostituierte. Mit dem Geld, das sie verdient, unterstützt sie ihre Tochter, die in Istanbul studiert. Eines Tages wird Yeter von zwei Türken entdeckt, die sie bedrohen und eindringlich zur Reue mahnen. Mit dieser Ausgangslage führt uns Fatih Akin in seinem neuen Film erst einmal auf die falsche Fährte: Sein letzter Spielfilm „Gegen die Wand“ wurde schließlich überschattet von dem „Skandal“ um die türkische Ex-Pornodarstellerin Sibel Kekilli, die die weibliche Hauptrolle gespielt hat. „Auf der anderen Seite“ scheint damit auf den ersten Blick Akins filmische Antwort auf das Gezeter um Kekili zu sein. Doch es bleibt beim Seitenhieb. Akin serviert moralisierende türkische Freier – mehr will und muss der Regisseur dazu nicht sagen.

Schmerz als Initiator

Akin holt Yeter erst einmal raus aus dem Milieu: Der alte Witwer Ali (Tuncel Kurtiz) bietet der Frau für gelegentliche Gefälligkeiten ein Leben bei sich an – sie willigt ein. Alis Sohn Nejat (Baki Davrak) ist Germanistik-Professor und äußert seinen Argwohn, zollt Yeter aber Respekt. Nejat macht vielmehr das Verhältnis zu seinem Vater zu schaffen, das er schließlich nach einem tragischen Vorfall verbittert beendet. Parallel erzählt Fatih Akin die Geschichte der jungen Ayten (Nurgül Yesilcay), die in der Türkei politisch verfolgt wird und nach Deutschland flieht. Dort lernt sie die Studentin Lotte (Patrycia Ziolkowska) kennen und darf bei ihr wohnen. Lottes Verhältnis zu ihrer Mutter Susanne (Hanna Schygulla) ist gespannt. Die zeigt sich entsprechend missmutig über die neue Mitbewohnerin.

Ayten ist Yeters Tochter, und fast alle Protagonisten wird es schließlich nach Istanbul verschlagen, wohin sie fliehen, ausgewiesen werden, einander und sich selbst suchen oder wo sie sterben. Fatih Akin montiert zwei Geschichten, die einander bedingen und sich oft nur beinahe berühren, zu einem kunstvoll verschachtelten Drama, in dem die Hauptrollen wechseln und sich die Perspektiven ändern. „Ich wollte mich künstlerisch weiterentwickeln, kinematographischer sein.“ Akin gelingt der Schritt. Kinematographisch heißt nicht, dass er dem großen Publikum entrückt. Denn er bewahrt sich das Menschliche. Dabei ist die Aggressivität, die Radikalität von „Gegen die Wand“ einer ungleich bedächtigeren filmischen Novelle gewichen. Die Rebellion ist tot. Akins Figuren sind gereift. Ihr Zorn implodiert still, sie lassen sich vom Schicksal treiben und finden dabei Aussöhnung und Vergebung. Der Schmerz ist dabei Initiator, nicht das Ende.

Der Tod als Zwischentitel

Akin bleibt dabei natürlich auch politisch, wenn auch hintergründig. Das Schicksal Yeters in Hamburg oder linker Aktivisten in Istanbul bilden markante Eckpunkte, im Mittelpunkt aber steht die Entfremdung von Töchtern, Söhnen, Müttern und Vätern. Akin denkt universeller, wenn er diesmal weniger die Kulturen, sondern Generationen aufeinander prallen lässt. Die Verlagerung auf die zwei unterschiedlichen Metropolen bleibt indes elementar, denn erst über die Auseinandersetzung mit der fremden Kultur gelingt die Wiederannäherung von Alt und Jung.

Der Tod ist bei all dem ein zentrales Moment. Obwohl Zwischentitel den Tod ankündigen, bleibt der Film selbst nicht unheilschwanger. Der Tod entsteht hier impulsiv, im Affekt, nicht geplant. Der Tod ist omnipräsent. Aber das macht „Auf der anderen Seite“ nicht zur Tragödie. Denn der Tod gibt am Ende vor allem Impulse für die Hinterbliebenen. Die beginnen sich ihrer Bestimmung zu fügen, ohne zu kapitulieren. Akin spart den Schmerz nicht aus – doch schöner und zärtlicher kann man Konsequenzen des Unglücks kaum auf die Leinwand bannen.

(Hartmut Ernst)

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