Kinokalender
Mo Di Mi Do Fr Sa So
18 19 20 21 22 23 24
25 26 27 28 29 30 31

12.659 Beiträge zu
3.875 Filmen im Forum

Foto: Sophie Davidson

Nomen est omen

18. Mai 2026

„Die Namen“ von Florence Knapp – Literatur 05/26

Es gibt immer wieder Entscheidungen, die dem Leben eine völlig andere Richtung geben können. Was aber, wenn es nicht die eigene Entscheidung ist? „Die Namen“ ergründet die Frage des „Was wäre, wenn?“ anhand der Namensgebung der Eltern.

1987 ist Cora auf dem Weg zum Amt, um die Geburt ihres Sohnes anzumelden. Laut Familientradition ihres Mannes müsste er dessen Namen erhalten und sich in die Gordons der Familie einreihen. Auf dem Weg spricht Cora mit ihrer Tochter Maia über die Namenswahl. Sie selbst würde Julian bevorzugen, während Maia ihren Bruder Bear nennen würde – soweit der Prolog. Daraufhin zeichnet die Autorin die Konsequenzen dieser Wahl nach. In einer Zukunftsvariante wird es tatsächlich der Name Bear, in einer anderen setzt Cora ihren eigenen Wunsch in die Tat um, während sie in der dritten der Erwartung ihres Mannes Folge leistet.

Der Roman erzählt fortan parallel in Intervallen von sieben Jahren, ob die jeweilige Motivation hinter der Namensgebung aufgeht und was aus dem Jungen wird. Zwar müssen Lesende mitunter etwas Rekonstruktionsarbeit leisten, um die Fäden beisammenzuhalten, doch die Zeitsprünge erlauben die Beleuchtung größerer Entwicklungslinien. Das Leben der Figuren verläuft entscheidend anders, Knapp kanalisiert zum Glück nicht alles auf die Namensgebung: Die Zukunft ist weiteren Zufällen unterworfen, sodass jede Version sich auf vielschichtige Weise unterscheidet und kein Abschnitt repetitiv wird. Die fiktive Erzählung rund um die in England und Irland verwurzelten Figuren mischt Knapp gelungen mit Zeitgeschehen, etwa den Anschlägen in Paris oder dem Corona-Lockdown. Das Ende mag überzeichnet sein, doch den lebendigen Figuren und der facettenreichen, einfühlsamen Erzählung tut dies keinen Abbruch.

Die Erzählstränge eint zudem das Thema häusliche Gewalt. Ob Coras Mann sie demütigt, tyrannisiert oder von der Außenwelt abschirmt – die Gefahr in der eigenen Ehe verändert sich nicht. Es variiert lediglich, wie ein Entkommen gelingen könnte. Dieses Leitthema prägt zudem die Beziehung der weiteren Figuren und ist oft auch hart zu lesen. Zugleich richtet Knapp mit wohldosiertem Humor den Blick darauf, wofür es sich zu kämpfen lohnt.

Florence Knapp: Die Namen | A. d. Engl. v. Lisa Kögeböhn | Eichborn | 352 S. | 24 Euro

Melanie Schippling

Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen?
Als unabhängiges und kostenloses Medium ohne paywall brauchen wir die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser. Wenn Sie unseren verantwortlichen Journalismus finanziell (einmalig oder monatlich) unterstützen möchten, klicken Sie bitte hier.

Neue Kinofilme

Glennkill: Ein Schafskrimi

Lesen Sie dazu auch:

Urängste im Urwald
Dorothee Elmiger liest im King Georg

Naturforscher im Alltag
„Kinderleichte Experimente für draußen“ von Christine Sinnwell-Backes u. Timo Backes – Vorlesung 05/26

Haare zu lang, Röcke zu kurz
„Swinging Cologne“ von Stefan Winges – Textwelten 05/26

Meeresbewohner zum Anfassen
„Zusammenstecken und Entdecken: Meerestiere“ von Abigail Wheatley – Vorlesung 04/26

Neuer Bilderbuch-Klassiker
„Mit dem Sturm um die Wette rennen“ von Brian Floca und Sydney Smith – Vorlesung 04/26

Wenn Wände Ohren haben
„Engel des Verschwindens“ von Slobodan Šnajder – Literatur 04/26

Die Unendlichkeit erleben
„Liebe“ von Thomas Hettche – Textwelten 04/26

Das Glück der Stiefel
„Die gelben Gummistiefel“ von Isabel Pin – Vorlesung 03/26

Auf den Spuren des Honigs
„Ivy und Bärlock Holmes. Fall 1: Die rätselhafte Blume“ von Kristyna Litten – Vorlesung 03/26

Beziehungen
„Du findest mich, wenn du willst“ von Lavinia Branişte - Literatur 03/26

Atem eines großen Erzählers
„Wintermythologien“ von Pierre Michon – Textwelten 03/26

Unwiderstehlicher kleiner Drache
„Da ist besetzt!“ von Antje Damm – Vorlesung 02/26

Schmunzeln und Mitgefühl
„Opa Bär und die Schuhe im Kühlschrank“ von Anne und Paul Maar – Vorlesung 02/26

Glück und Unglück
„Niemands Töchter“ von Judith Hoersch – Literatur 02/26

Exzentrik kann zärtlich sein
„Mitz. Das Pinseläffchen“ von Sigrid Nunez – Textwelten 02/26