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Jennifer Ackerman
Foto: © Robert Llewellyn

Genies statt Automaten

30. November 2017

Vögel verschwinden aus unserer Wahrnehmung – Textwelten 12/17

Es verändert sich etwas in unserer Welt. Während der Verkehr immer lauter wird, hört man immer seltener das Gezwitscher der Vögel. Spatzen und Amseln, die früher jedes Kind im Vorschulalter bestimmen konnte, sieht man im Alltag kaum noch. Erste Schätzungen von Ornithologen gehen davon aus, dass Deutschland in den letzten Jahren an die 70 Prozent seines Vogelbestands verloren hat. Dazu muss man wissen, dass Vögel seit 100 Millionen Jahren den Planeten bevölkern, keine Spezies ist so anpassungsfähig, gibt es Vögel doch in allen Erdregionen und sogar auf den beiden Polkappen. Jetzt scheint ihnen der Garaus gemacht zu werden, möglicherweise liegt das an den immer effizienteren und immer billigeren Insekten- und Unkrautvernichtungsmitteln. Tatsache ist, dass nach dem Bienensterben nun das Vogelsterben einsetzt. Und während in den letzten Jahren die Bienen von der Verlagswelt in zahlreichen Publikationen als Kulturgut entdeckt wurden, beginnt sich plötzlich flächendeckend das Interesse für die Vögel zu regen.

Während draußen die Amseln eingehen, greifen wir gepflegt zum Buch, könnte man zynisch anmerken. Andererseits bekommt man erst eine Vorstellung von den Verlusten, die der mörderische Umgang mit den Ressourcen der Natur verursacht, wenn man um den Wert jenes Lebens weiß, das in großem Umfang ausgelöscht wird. Zumal die Welt über unseren Köpfen von wesentlich klügeren Geschöpfen bewohnt wird, als wir immer dachten. Die enormen Erkenntnisse, die die Neurologie in den letzten Jahrzehnten gewonnen hat, öffnen auch ein Tor zur Welt der Vögel, die etwa mit den Krähen eine Spezies besitzt, die vielen Säugetieren überlegen ist. Während Eichhörnchen oftmals konfus und letztlich vergeblich nach den Orten ihrer Vorratshaltung suchen, können sich Krähen über 1000 Verstecke merken. Sie fertigen sich Werkzeuge an und treten mit Menschen in eine Beziehung ein, wenn sie einmal Vertrauen gefasst haben.

Der Evolutionsbiologe Josef H. Reichholf beschreibt in seinem, mit Erfahrung und Beobachtung reich gesättigten, Buch „Rabenschwarze Intelligenz“ um welch faszinierende Tiere es sich handelt. Der Titel von Jennifer Ackermans Buch „Genies der Lüfte: Die erstaunlichen Talente der Vögel“ greift noch weiter aus. Während ein Menschenkind sich im Spiegelstadium erst mit etwa anderthalb Jahren als unabhängige Person erkennt, gibt es Elstern die das vermögen. Hat man Elstern mit einem roten Fleck auf ihrem Gefieder markiert und sie vor einen Spiegel gestellt, versucht der Vogel die Markierung am eigenen Gefieder zu entfernen. Er muss also eine Vorstellung von sich besitzen. Ackerman betont immer wieder mit wie vielen Vorurteilen in der Kulturgeschichte unsere Wahrnehmung von den Vögeln als „Spatzenhirnen“ oder „fliegenden Automaten“ behaftet sind. Papageien können sprachlich mit Menschen kommunizieren, Vögel betreiben Haushaltung und Zeitmanagement und besitzen einen enormen Orientierungssinn. Ammern üben ihren Gesang so lange bis jeder falsche Ton eliminiert ist. Nicht alleine die Erkenntnisse dieses Buches nötigen Respekt ab, Ackerman zeigt auch, wie beglückend die Sachbuchlektüre sein kann, wenn sie lebendig und detailliert gestaltet ist.

Jennifer Ackerman: Genies der Lüfte | A. d. Engl. v. Christel Dormagen | Rowohlt | 448 S. | 24,95 €

Josef H. Reichholf: Rabenschwarze Intelligenz | Piper | 256 S. | 9,99 €

Thomas Linden

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