Kinokalender
Mo Di Mi Do Fr Sa So
26 27 28 29 30 31 1
2 3 4 5 6 7 8

12.417 Beiträge zu
3.694 Filmen im Forum

Terézia Mora und Şehbal Şenyurt Arınlı
Foto: Christian Thiel

Brief- und Ortswechsel

15. Januar 2020

Leseempfehlungen im Januar – Wortwahl 01/20

Einen Brief zu schreiben, verlangt Zeit. Allein durch die Handschrift dauert der Prozess länger und den Worten kann eine größere Bedeutung zugemessen werden als einer digitalen Nachricht. Die Schönheit, die die literarische Form eines Briefwechsels birgt, zeigt das Buch „Zwei Autorinnen im Transit“ (binooki). Hier schreiben sich vorher einander unbekannte Schriftstellerinnen. Initiiert wurde dieser Austausch vom Writers-in-Exile-Programm des deutschen PEN Zentrums, ein Stipendienprogramm für verfolgte Schriftsteller. Die Journalistin, Dokumentarfilmerin und Menschenrechtsaktivistin Şehbal Şenyurt Arınlı wurde 2017 in der Türkei inhaftiert und konnte nur durch einen Zufall nach Deutschland fliehen. Sie lebt seitdem als PEN-Stipendiatin in Nürnberg. Terézia Mora lebt auch im Exil, jedoch freiwillig. Die Schriftstellerin und Drehbuchautorin wuchs als Teil einer deutschsprachigen Minderheit in Ungarn auf und schon als Kind träumte sie von einer Zukunft in einer Stadt, fern von dem Leben ihrem Dorf.

Noch zögerlich am Anfang – denn das fehlende Wissen um die Lebensgeschichte der anderen sorgt für Vorsicht – schreiben sie einander Briefe über ihre Herkunft und ihre Sorgen, aber auch über Pflanzen und Käfer. Mit der Zeit entsteht eine Verbindung zwischen ihnen. Die Briefe – jeweils ins Türkische oder Deutsche übersetzt und in beiden Sprachen abgedruckt – geben immer mehr preis und zeigen insbesondere das Innenleben Arınlıs. Ihr Schreiben wirkt wie eine Art Therapie, ein Versuch, ihr Leben nach der Flucht zu ordnen. Ihre Briefe nehmen teils auch einen düsteren Ton an – verständlicherweise, drehen sich ihre Gedanken auch um Verluste, Ängste und Einsamkeit. Durch ihre lebhafte Sprache und die gewaltigen Bilder kann man erahnen, wie es der Schriftstellerin im Exil wohl gehen muss. Moras Stil ist dagegen klarer, sie erzählt gradliniger und gibt mehr von ihrer Geschichte preis. Vielleicht auch, weil ihr Transit bereits abgeschlossen ist.


Aras Ören, Foto: Nane Diehl

Das Ende der Korrespondenz stimmt beide traurig. Zum ersten Mal sehen werden sie sich erst kurz vor ihrer gemeinsamen Lesung. Ein spannendes Konzept, zwei einander unbekannte Schriftstellerinnen im Exil sich schreiben zu lassen, das wunderbar aufgeht und bereits zum dritten Mal bereits umgesetzt wurde, zuvor unter anderem mit Feridun Zaimoglu.

Einen Blick in die Vergangenheit schafft die „Berliner Trilogie“ (Verbrecher Verlag) von Aras Ören.Der in Istanbul geborene Schauspieler, Dramaturg und Schriftsteller lebt seit 1969 in Berlin. Sein Langgedicht „Was will Niyazi in der Naunynstraße?“ erschien 1973 als erster großer Text über das türkische Leben in Berlin und ist eins der drei Poeme, die in dem neuerschienen Sammelwerk abgedruckt sind. Ören widmet es den Einwanderern der ersten und zweiten Generation aus der Türkei und will damit zeigen, wie diese Menschen die Gesellschaft geprägt haben.

Alle drei Poeme drehen sich um das Leben türkischer Arbeiter in Berlin, genauer gesagt in der Naunynstraße in Berlin-Kreuzberg. Ören schafft ein Mosaik aus verschiedenen Lebensgeschichten und Erfahrungen der Bewohner*innen. Die einzelnen Gedichte stehen nebeneinander und hängen doch auch alle zusammen – Personen und Motive kommen immer wieder vor, man bewegt sich in allen drei Poemen in dem gleichen Mikrokosmos, der zugleich auch die gesamte Gesellschaft spiegelt.

Die erste Generation Einwanderer übernahm zehrende Arbeiten, schob Überstunden und versuchte sich in der neuen Stadt zu orientieren. Man erlebt mit ihnen ihren Überlebens- und Konkurrenzkampf. Die Themen Geld und Macht sind immer wieder von Bedeutung, und so System- und Kapitalismuskritik nicht fern.

Mit wenigen Worten schafft Ören lebhafte Eindrücke der sich doch sehr unterscheidenden Lebensrealitäten in der Türkei und in Berlin. Es werden Fragen der Menschen deutlich wie: Was ist Heimat, was ist Fremde? Wo ist man jemand, wo ein Niemand? Was gibt Halt und vor allem die ersehnte Sicherheit?

Şehbal Şenyurt Arınlı, Terézia Mora: Zwei Autorinnen im Transit. Ein Dialog | binooki | 143 S. | 18 €

Aras Ören: Berliner Trilogie. Drei Poeme | Verbrecher Verlag | 232 S. | 22 € 

Katja Egler

Neue Kinofilme

Greenland

Lesen Sie dazu auch:

Bleibt alles anders – auch beim Buch
Wuppertaler Literatur Biennale – Literatur 11/20

Literatur auf der Insel: Philipp Weiss
Cafe Ada | Fr 27.11. 19.30 Uhr

Große Entdeckungen
Wie man vergessene Autorinnen wieder ans Licht bringt – Textwelten 10/20

Ein Dorf in Kurdistan
Ronya Othmanns Debüt „Die Sommer“ – Wortwahl 10/20

Italienisches Einzelgängertum
Jhumpa Lahiris erster Roman auf Italienisch – Wortwahl 09/20

Blicke hinter die Kulisse
Nadine Pungs erzählt aus dem Übermorgenland – Wortwahl 06/20

Subjekt und Ego
Zwei Bücher zwischen Identitätssuche und Selbstinszenierung – Wortwahl 05/20

Literatur.