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Claudio Magris
Foto: Paolo Magris

Das Leben spricht zu ihm

23. Oktober 2019

Claudio Magris' „Schnappschüsse“ – Textwelten 10/19

In Deutschland hat er mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels eine der größten Ehren erhalten, die das Land zu vergeben hat. In Italien hingegen besitzt der Germanist aus Triest wahre Berühmtheit. Steigt er nach dem Schwimmen aus den Fluten der Adria, kommt es vor, dass jemand mit dem Stift in der Hand um eine Signatur in seinem neuesten Roman bittet. Es gibt allerdings jemanden, der ist noch berühmter als der gelehrsame Herr, und das ist sein Hund. Eine Dame erkennt Jackson, den Brüsseler Griffon, und schließt untrüglich: „Dann müssen Sie ja Professor Magris sein.“ Den Lesern könnte es ähnlich gehen. Wer einmal in die „Schnappschüsse – eine Sammlung mit Kurzprosa – geschaut hat, kann rasch erkennen, wer da spricht. Sein verhaltener Erzählgestus, jene schweifende Annäherung, die noch diese und jene Beobachtung vom Wegesrand mitnimmt, um dann doch das Ziel und damit die Pointe einer Begebenheit in den Blick zu nehmen, verrät das Temperament eines Intellektuellen alter Schule.

In 50 Alltagsbeobachtungen liefert Magris „Schnappschüsse“, mit denen er den Zustand unseres Alltagslebens einfängt. Den Genuss, mit dem er erzählt, schmeckt man anhand eines jeden dieser Prosa-Pralinés. Magris beobachtet Kinder, etwa einen kleinen italienischen Jungen, der mit einem gleichaltrigen Mädchen, schwarz wie Ebenholz, am Wasser spielt. Ein deutsches Mädchen, offenbar adoptiert, wie die weiße Haut der Eltern vermuten lässt. Eine kindlich-selbstverständliche Begegnung. Selbstverständlich geht es freilich auch zu, als ein Toter an diesem Strand angespült wurde. Die Sonnenhungrigen breiten ein Tuch über ihm aus und machen es sich weiter in ihren Liegestühlen bequem.

Dieses mitunter absurde Nebeneinander von Liebe, Zynismus, Gleichgültigkeit und Intensität des Alltagslebens scheint ohne Konsistenz. Aber nur auf den ersten Blick, Claudio Magris verbindet Gelehrsamkeit, Engagement und die Anmut seiner eleganten Sprache, um das, was die Welt in Bewegung versetzt, im Detail wiederzufinden. Das Leben spricht zu ihm, so dass er dessen Muster im scheinbaren Chaos der Realität zu erkennen vermag. Was ist der Unterschied für eine Liebesbeziehung, ob man sagt „mit ihm bin ich gegangen“ oder „mit ihm habe ich gelebt“? Magris entfaltet an einer flüchtigen Bemerkung vom Nebentisch eine Reflexion über die Liebe und ihren authentischen Gehalt.

Die kleinen Geschichten enthalten Humor, Melancholie und das Staunen über die Eigenarten menschlichen Verhaltens. Magris greift sie auf der Straße, im Restaurant, in der Eisenbahn oder während der Gemeinderatssitzung auf. Trotz der bemessenen Form enthalten sie ein kräftiges Aroma seiner triester Heimat, jener Region, in der West und Ost, Nord und Süd zusammenkommen. Auch wenn sie sprachlich wunderbar abgerundet sind, besitzen sie noch eine Spontaneität, die zum Schnappschuss gehört und nicht mit bedeutungsloser Zufälligkeit zu verwechseln ist. Denn in ihrer Geschlossenheit erinnern manche dieser kleinen Essays an Henri Cartier-Bressons Fotografien, in denen sich für Momente die Essenz des Lebens offenbart.

Claudio Magris: Schnappschüsse | Übers.: Ragni Maria Gschwend | Carl Hanser Verlag | 192 S. | 20 €

Thomas Linden

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