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Rund eine halbe Million Liebesschlösser
Foto: Hanka Meves

Entdeckungen ohne Ende

01. November 2020

Ein Buch randvoll mit kleinen Geschichten aus Köln – Textwelten 11/20

Wer an Köln denkt, denkt an den Dom. Übersehen wird geflissentlich, dass die Stadt nicht alleine zwölf Romanische Kirchen ihr eigen nennt, sondern sich in fast jedem Viertel eindrucksvolle moderne Kirchenbauten befinden. Etwa Sankt Engelbert in Riehl, ein architektonisches Meisterwerk von Dominikus Böhm entworfen und wegen seiner geschwungenen Dächer von den Kölnern „die Zitronenpresse“ genannt. Köln war aber auch schon früh eine Industriestadt. Vor dem Deutzer Bahnhof steht ein Modell des Otto-Motors, dem Herzstück eines jeden Autos, das hier entwickelt wurde. Eine Straße weiter arbeiteten Gottlieb Daimler, Wilhelm Maybach und Ettore Bugatti. Die Kritik am Verkehrszeitalter findet sich dann auf der anderen Rheinseite in Gestalt von Wolf Vostells Skulptur „Ruhender Verkehr“, die er 1969 schuf, indem er seinen Opel Kapitän bei laufendem Motor mit Beton füllte.

„Das gibt‘s nur in Köln“ möchte man sagen und zitiert damit schon den Titel des Buchs von Hanka Meves. Sie erzählt von 120 Besonderheiten und Skurrilitäten der Metropole am Rhein. Wer den Strom mit der Eisenbahn über die Hohenzollernbrücke überquert, kommt an schätzungsweise einer halben Million Liebesschlössern vorbei, die an die Geländer montiert wurden. Verrückt auch die teuerste Klospülung der Welt, die sich gleich gegenüber auf der Toilette einer der Domtürme befindet.

Stadt der Frauen

Nebensächlichkeiten, wie die Liebessäule der Familien Schmitz oder das Kohlkopfrennen in Vogelsang erschließen ebenso den Charakter einer Stadt wie historische Tatsachen. Etwa die Prägung durch die Frauen, beginnend mit der Stadtgründerin Agrippina, der Kaiserin Theophanu und der Patronin Ursula bis zu den berühmten Frauen des Mittelalters und der Neuzeit, nach denen die Straßen des Hafens benannt sind. Hier befindet sich auch der Bayenturm, in dem das feministische Archiv beheimatet ist. Dass Köln die älteste jüdische Gemeinde nördlich der Alpen besaß, wird mit dem Bau des Jüdischen Museums in Zukunft für kulturelle Akzente sorgen.

Die Texte wurden gut recherchiert und erzählen auf den Punkt von den Launen, Besonderheiten und den vielen Gesichtern dieser Stadt. Aus Informationen werden Geschichten mit Details, die nur Insidern bekannt sind. Erfreulich auch, dass der Emons Verlag das Wort nicht an das Bild verkauft. Hier erfährt man wirklich etwas über die Stadt, so dass man mit dem Buch in der Hand durch den Stadtkörper reisen kann. Die pointiert in den Blick genommenen Sehenswürdigkeiten laden dazu ein, auf eigene Faust los zu ziehen.

Ableger für Berlin und Ruhrgebiet

Aus dem Konzept wurde inzwischen eine Reihe entwickelt, die Berlin und das Ruhrgebiet vorstellt. Zu dem roten Buch über Köln gesellt sich ein grünes, in dem die Region vom Niederrhein bis nach Westfalen von Birgit Ebbert vordringlich aus der Verbindung von Kultur und Freizeit betrachtet wird. Wünschenswert wäre ein Inhaltsverzeichnis gewesen, das beim schmökern die Orientierung erleichtert hätte. Aber vielleicht kommt das ja noch mit der nächsten Auflage.

Hanka Meves: Das gibt‘s nur in Köln | Emons Verlag | 144 S. | 12,40 €

Thomas Linden

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