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Dietmar Dath
Foto: Matthes & Seitz

Optimistisch durch die Dystopie

24. März 2021

Sibylle Berg und Dietmar Dath: Zahlen sind Waffen – Wortwahl 03/21

Da hat es noch nicht mal so etwas Apokalyptisches wie die Corona-Pandemie gebraucht: Dystopien lagen schon vorher im Trend. Der Anteil der düsteren Zukunftsszenarien in den Buchhandlungen ist in den letzten Jahren geradezu exponentiell gestiegen. Doch woran liegt das? Was sagt es über unsere Gegenwart, wenn wir uns mit immer größerer Lust in die Welten der Zukunftsapokalypsen begeben? Im Verlag Matthes & Seitz ist nun mit „Zahlen sind Waffen. Gespräche über die Zukunft“ ein Gesprächsband mit zwei der wohl klügsten deutschsprachigen Dystopie-Autoren erschienen: der Schweizer Schriftstellerin Sibylle Berg und dem deutschen Feuilletonisten und Autoren Dietmar Dath. In drei Interviews sprechen die beiden über die Faszination für das Genre, ihr Literaturverständnis und nicht zuletzt über die Politik.

Mit dem Begriff „Dystopie“ können sie allerdings wenig anfangen. Dietmar Dath: „Es gibt diese Neigung bei allem, das nicht diese Befindlichkeits- und Sozialkunde-Literatur ist, unbedingt einen Kunstzweck zu erraten: Was wollen die Bücher? Die Bücher wollen warnen, die Bücher wollen mahnen, die Bücher wollen aufbauen, irgendwie sowas.“ Nicht der erhobene Zeigefinger, sondern „die pure Freude daran, zu sagen: Ein Teil von dem, was ich hier erfinde, ist scheiße und kaputt“ ist für Dath das Verführerische an der Dystopie oder besser: an der Science-Fiction, in der er sich eher beheimatet fühlt.

Das trifft auch auf Sibylle Berg zu: Vor zwei Jahren verhandelte sie in ihrem Erfolgsroman „GRM. Brainfuck“ so ziemlich alles, was  gerade „scheiße und kaputt“ zu werden droht: Der Roman spielt im Post-Brexit England und schildert das Schicksal mehrerer Figuren, die im Dickicht eines Überwachungsstaates mit Arbeitslosigkeit, Armut und Diskriminierung konfrontiert werden. Auch für sie besteht das Potenzial der Literatur darin „zu zeigen, was sonst verdeckt wird mit romantischem Scheißdreck“. So können Science-Fiction und Dystopie einen spielerischen Umgang mit gesellschaftlichen Entwicklungen, Prognosen und Ängsten entwickeln, ohne notwendig in pädagogische Predigten auszuarten.

Dath und Berg teilen, neben der rabiaten Wortwahl, die Absage an eine weitverbreitete Technik-Skepsis, die gerade auch in der politischen Linken anzutreffen ist. Die Technologien der Zukunft bergen, richtig verstanden und genutzt, eine Menge Emanzipationspotenzial. Und so ist „Zahlen sind Waffen“ auch ein Plädoyer an den Literaturbetrieb, sich mit Naturwissenschaften und Technologie zu befassen, statt immer noch mehr „Innerlichkeitssoße“ zu produzieren.

Dath und Berg transportieren in ihren Gesprächen bei aller Kritik und Schwarzmalerei nicht nur Neugier auf ihr literarisches Werk und das im Feuilleton chronisch unterschätze Genre der Science-Fiction. Am Ende ist sogar Platz für ein kleines bisschen Optimismus, wenn Sibylle Berg beantwortet, was ihr Mut macht für die Zukunft: „Dass die Menschen zu allen Zeiten dachten, das Ende der Welt wäre nahe. Die vielen unglaublich großartigen Menschen, die es gibt. Tiere. Wassermelonen. Kioske in italienischen Meerorten. Nerds.“

Sibylle Berg/Dietmar Dath: Zahlen sind Waffen. Gespräche über die Zukunft | Matthes & Seitz | 100 S. | 10 €

Florian Holler

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