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Regisseur Taika Waititi bei der Deutschlandpremiere von „Next Goal Wins"
Foto: Sebastian Gabsch

„Versagen ist etwas sehr Schönes“

22. Dezember 2023

Regisseur Taika Waititi über „Next Goal Wins“ – Gespräch zum Film 01/24

Der Maori Taika Waititi wurde 1975 in Neuseeland geboren. Seinen internationalen Durchbruch feierte er 2014 mit der Fake-Vampir-Dokumentation „5 Zimmer Küche Sarg“, aus der die Fernsehserie „What We Do in the Shadows“ hervorging. Neben künstlerischen Erfolgen wie der Nazi-Satire „Jojo Rabbit“ hat Waititi auch einige Blockbuster aus dem Marvel Cinematic Universe inszeniert, beispielsweise „Thor: Love and Thunder“. Sein neuester Film „Next Goal Wins“ basiert auf tatsächlichen Ereignissen um das Fußballteam auf Amerikanisch-Samoa und startet am 4. Januar bundesweit in den Kinos.

engels: Herr Waititi, wie sind Sie auf den Stoff über das Fußballteam von Amerikanisch-Samoa aufmerksam geworden? Hatten Sie den Dokumentarfilm „Next Goal Wins“ gesehen?

Taika Waititi: Ja, ich habe den Dokumentarfilm gesehen und mich davon inspirieren lassen, meine eigene Version der Geschichte zu erzählen. Es machte natürlich keinen Sinn, alles noch einmal genauso zu erzählen, da es das ja bereits gab. Also musste ich alles vergessen, was ich gesehen hatte, und meine Version davon machen (lacht).

Warum ist Fußball auf Amerikanisch-Samoa so wichtig?

Ist es gar nicht! Das Wichtigste auf der Insel ist American Football. Und auf den anderen Pazifikinseln ist Rugby der große und wichtigste Sport. Man muss Fußball wirklich lieben, um es spielen zu wollen. Deswegen ist diese Mannschaft auf Amerikanisch-Samoa auch so etwas Besonderes.

Stimmt es denn, dass man aus Fehlern besonders viel lernen kann? Immerhin war das Team ja lange Zeit das schlechteste der Welt …

Ja, „Versagen ist etwas sehr Schönes“ hätte man zur Werbezeile für diesen Film machen sollen. Tatsächlich glaube ich, dass man aus Fehlern viel lernen kann. Auch Verluste, selbst wenn es geliebte Menschen oder Lebenspartner sind, haben diese Wirkung. Das ist das Schöne an uns Menschen, wir verstehen es, aus Verlusten, Versagen und Fehlern zu lernen, um weiter voran zu kommen.

Hätte ein Regisseur aus einem anderen Teil der Welt den Film genauso inszenieren können oder war das etwas, was nur ein richtiger Eingeborener so machen konnte?

Nein, auf diese Weise hätte es ein Außenstehender sicherlich nicht machen können. Regisseure aus anderen Teilen der Welt hätten alle die ganze Zeit in traditionellen Kostümen darstellen wollen, häufig dann auch beim Tanzen. Auch Gespräche mit Geistern wären für die sicherlich wichtig gewesen, aber diesen Blödsinn macht dort nie irgendjemand! Die Stereotypen, wie man auf den Pazifischen Inseln zu sein hat, sind überwiegend Fantasien der westlichen Gesellschaft.

Wie vertraut waren Sie im Vorfeld mit den Fa’afafine (dem dritten Geschlecht in Polynesien) und wie haben Sie mit der echten Jaiyah Saelua zusammengearbeitet, um es auf authentische Weise darzustellen?

Jaiyahs Bedeutung für die tatsächliche Geschichte war sehr wichtig, und auch im Dokumentarfilm hat sie schon eine große Rolle gespielt. Für den Spielfilm habe ich dann meine eigene Geschichte daraus gemacht. Als ich in Neuseeland aufgewachsen bin, war ich bereits sehr vertraut mit der Fa’afafine-Kultur, weil es dort sehr viele Samoaner gibt. Ich fühlte mich deswegen von Anfang an sehr vertraut damit. Und es war einer der Gründe, warum ich den Film überhaupt machen wollte: um die Fa’afafine bekannter zu machen.

Die Leute aus Amerikanisch-Samoa werden im Film zunächst auf lustige Weise eingeführt. Wie ist es Ihnen dann im weiteren Verlauf gelungen, sich nicht nur über sie lustig zu machen, sondern sie zu den Helden der Geschichte werden zu lassen?

Naja, sie sind eben die Helden, ganz gleich wie. Viele Kulturen haben die Fähigkeit, sich über sich selbst lustig zu machen. Besonders wir gemeinsam als die Bewohner der Pazifischen Inseln sind sehr gut dazu in der Lage. Und obwohl ich ein Maori aus Neuseeland bin, wirft man uns in den Augen der Welt sowieso alle in einen Topf. Ich mache mich gern über die Menschen aus Amerikanisch-Samoa lustig, und umgekehrt ist es genauso. Das ist ein Stückweit die Art, wie wir miteinander umgehen und nichts richtig ernst nehmen.

Was sind genau die Unterschiede zwischen Neuseeländern und Menschen aus Amerikanisch-Samoa?

Eigentlich nur der Name und wo die Inseln genau liegen (lacht). In Neuseeland ist es viel kälter, deswegen sind wir dort viel mürrischer. Bei uns ist es schweinekalt, vergleichbar mit Schottland oder Irland. Kann man sich dunkelhäutige Menschen vorstellen, die in Schottland leben? Kein Wunder, dass man dann mürrisch wird. Die Natur ist in beiden Ländern wundervoll, die kulturellen Gemeinsamkeiten sind recht hoch, auch die in der Sprache – wir kommen alle vom gleichen Ort, haben denselben Ursprung und sind wie Cousins.

Trainer Thomas Rongen wird im Film als Alkoholiker dargestellt, was im Dokumentarfilm nicht der Fall war. Entspricht das den Tatsachen oder ist das eine künstlerische Übertreibung, um zu zeigen, dass der „Weiße Retter“ selbst gerettet werden musste?

Er raucht und trinkt wirklich sehr viel (lacht). Aber ich habe dazu nicht sehr viele Nachforschungen betrieben oder mit den echten Vorbildern gesprochen, denn es gibt ja bereits den Dokumentarfilm. Aber ich wusste schon, was ich mit den Figuren anfangen und was ich mit ihnen erzählen wollte. Rongens Figur musste am Anfang ein Verlorener sein, der seinen Weg noch finden muss. Außerdem wollte ich mich auch über die Klischees von Sportfilmen oder solchen mit „Weißen Rettern“ lustig machen. Deswegen fand ich es cool, dass er von braunen Menschen gerettet wird. Ein bisschen wie „Der mit dem Wolf tanzt“ mit Fußball (lacht).

Was halten Sie von der Diskussion, ob ein Film ernste Themen behandeln oder ein Fanpublikum zufriedenstellen soll, wie beispielsweise Ihre „Marvel“-Filme?

Es sollte für jeden Geschmack etwas geben, jeder hat ja eine andere Herkunft. Ich stamme aus einer sehr, sehr armen Gegend in Neuseeland. Das letzte, was ich im Kino sehen wollte, wären ernsthafte Kunstfilme über die Probleme von Menschen gewesen. Ich hatte schon im echten Leben genügend Probleme. Ich wollte ins Weltall reisen und Superhelden sehen, so wie in den „Star Wars“-Filmen. Wenn man eine privilegierte Herkunft hat, schaut man sich vielleicht eher diese Kunstfilme an. Dann weiß man auch nicht, wie es ist, wenn man eine richtige Fluchtmöglichkeit aus seiner Realität benötigt.

Sie haben im Film auch wieder einen kleinen Schauspielauftritt. Wofür schlägt Ihr Herz am meisten: Regisseur, Schauspieler, Autor, Produzent?

Ich würde sagen, dass ich den meisten Spaß als Schauspieler habe, zumal es auch der am wenigsten anstrengende Job der Welt ist. Danach kommt dann wahrscheinlich das Inszenieren, denn dabei fühlt man sich einfach wie Gott! Mächtig, alle kontrollierend, der Boss mit der Macht, Leben zu zerstören und Karrieren zu erschaffen. Von dieser Macht bin ich immer ganz betrunken (lacht).

Frank Brenner

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