Kinokalender
Mo Di Mi Do Fr Sa So
1 2 3 4 5 6 7
8 9 10 11 12 13 14

12.660 Beiträge zu
3.876 Filmen im Forum

Geheimnisse und Lügen

26. Februar 2020

Rachel Cusks radikaler Bericht über das Mutterwerden – Textwelten 02/20

Fast 20 Jahre hat es gebraucht, bis dieses Buch in Deutschland erscheinen konnte. Hierzulande wurde Rachel Cusk durch ihre Trilogie „Outline“, „Transit“ und „Kudos“ bekannt. Faszinierende Romane, in denen eine Erzählerin unterschiedlichen Menschen in England begegnet, deren Lebenssituationen sie schnell und packend entfaltet. Jetzt erscheint dieses widerständige, unversöhnliche, ja provokante „Lebenswerk“ vergangener Tage. Ein Buch über das Drama der Mutterschaft, wie es noch keine Frau geschrieben hat.

Zunächst trifft sie die Nachricht, schwanger zu sein, vollkommen unvorbereitet. Immer zwischen Schuldgefühlen zerrissen zu sein – auf der einen Seite das Wohl des Kindes im Auge zu behalten, auf der anderen einen Verrat am eigenen Selbst zu begehen, in dem man alle Ambitionen als berufstätige Person aufgibt – bedeutet, ein Leben im Extremzustand zu führen. So liest sich auch das Buch. Hier geht es immer um alles. So bemerkt sie schon während der Schwangerschaft, dass niemand sie auf das schmerzhafte Drama der Geburt vorbereitet. Ein Schweigen, das generationsübergreifend funktioniert, bzw. von säuselnden Beschwichtigungen der Ratgeberliteratur flankiert wird: „Das Baby wird in eine friedliche Atmosphäre der Zeitlosigkeit hineingeboren“, heißt es da etwa.

Ihr entgeht nicht, wie jungen Müttern von überall her Bevormundung, Drohung und Herablassung entgegen schlägt. Gesellschaften belegen Geburt und Aufzucht der Kinder mit Tabus und Klischees. Denn im Umgang mit der Geburtssituation spiegelt sich das Menschenbild einer jeden Gesellschaft, und diese Deutungshoheit will sie nicht an die Realität der Frauen abgeben. Rachel Cusk reflektiert hellwach diese allseits akzeptierte Ideologie. Sie beschreibt das Inferno schlafloser Nächte und die Panik, die unerklärliches Babyschreien bei einer Mutter auslöst. „Lebenswerk“ ist kein Buch, in dem über die Ungerechtigkeiten der Mutterschaft gejammert wird. Es liest sich mitreißend, weil Cusk so intelligent und humorvoll die Bilder zu ihren Erfahrungen entwirft. Stellenweise ist es brillante Literatur, wenn sie etwa beschreibt, was eine Frau in der Gemeinschaftsumkleide eines Schwimmbads sieht und denkt. Politische Ambitionen hegt Rachel Cusk nicht, vielleicht wirkt ihr persönliches Protokoll auch deshalb so lesenswert und brisant. Die 20 verstrichenen Jahre seines Erscheinens haben daran rein gar nichts geändert.

Rachel Cusk: Lebenswerk | A. d. Engl. v. Eva Bonné | Suhrkamp Verlag | 224 S. | 22 €

Thomas Linden

Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen?
Als unabhängiges und kostenloses Medium ohne paywall brauchen wir die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser. Wenn Sie unseren verantwortlichen Journalismus finanziell (einmalig oder monatlich) unterstützen möchten, klicken Sie bitte hier.

Neue Kinofilme

Passenger

Lesen Sie dazu auch:

Was Bleibt?
Oliver Fleischer liest in der Concordia

Cohen-Poesie
Grabenhorst + Giessmann im Glücksbuchladen

Lockendes Spiel
„Leichter Wahnsinn“ von Emy Koopman – Textwelten 06/26

Drei Farben zum Glück
„Zu Fuß“ von Michael Roher – Vorlesung 05/26

Nomen est omen
„Die Namen“ von Florence Knapp – Literatur 05/26

Naturforscher im Alltag
„Kinderleichte Experimente für draußen“ von Christine Sinnwell-Backes u. Timo Backes – Vorlesung 05/26

Haare zu lang, Röcke zu kurz
„Swinging Cologne“ von Stefan Winges – Textwelten 05/26

Meeresbewohner zum Anfassen
„Zusammenstecken und Entdecken: Meerestiere“ von Abigail Wheatley – Vorlesung 04/26

Neuer Bilderbuch-Klassiker
„Mit dem Sturm um die Wette rennen“ von Brian Floca und Sydney Smith – Vorlesung 04/26

Wenn Wände Ohren haben
„Engel des Verschwindens“ von Slobodan Šnajder – Literatur 04/26

Die Unendlichkeit erleben
„Liebe“ von Thomas Hettche – Textwelten 04/26

Das Glück der Stiefel
„Die gelben Gummistiefel“ von Isabel Pin – Vorlesung 03/26

Auf den Spuren des Honigs
„Ivy und Bärlock Holmes. Fall 1: Die rätselhafte Blume“ von Kristyna Litten – Vorlesung 03/26

Beziehungen
„Du findest mich, wenn du willst“ von Lavinia Branişte - Literatur 03/26

Atem eines großen Erzählers
„Wintermythologien“ von Pierre Michon – Textwelten 03/26