Auch wenn mittlerweile farbige Hochglanzprospekte über das Ruhrgebiet in inflationären Mengen gestreut werden, die Seele des Reviers bleibt im Grunde schwarzweiß. Wer das nicht glaubt, kann es beim IndustrieFilm Ruhr '11 überprüfen. Im Essener Filmstudio Glückauf sind 13 Filme aus fünf Jahrzehnten zu sehen, zeigen Sahnestückchen einstiger industrieller Potenz und natürlich auch historische Eindrücke von Duisburg bis Dortmund. Highlight ist sicher der Amateurfilm einer Betriebsfeier. „Sommerfest am See" (22 Min, 16 mm) von 1938 wurde erst durch die neuen, relativ günstigen Filmkameras möglich, gefilmt wurde die große Eisenbahner-Jause am Baldeneysee. Es war der Höhepunkt der „Kameradschaftswoche der Essener Straßenbahner“, die von der in Zusammenarbeit mit der Nationalsozialistischen Gemeinschaft „Kraft durch Freude“ veranstaltet wurde, ein wichtiges Dokument, dass den tiefgreifenden Einfluss der braunen Brut in die betrieblichen und privaten Lebensumstände kurz vor dem Zweiten Weltkrieg, aber auch die Vitalität des öffentlichen Lebens rund um den Essener Hauptbahnhof mit den allgegenwärtigen Straßenbahnen zeigt. Zugegeben ein paar farbige Bilder sind auch dabei, das zeigt wie wichtig damals bereits ein gutes Marketing genommen wurde.
20 Jahre später ging es dem Ruhrbergbau scheinbar noch gut. Da wollte sich auch die Gelsenkirchener Bergwerks-AG als eine der größten Zechengesellschaften an der Ruhr in einem aufwändigen Repräsentationsfilm in Szene setzen und gab einen Film in Auftrag, der den gesamten Produktionsprozess dokumentieren sollte. „Kohle“ (1958, 35 Min, 16 mm) zeigt also den Weg der Bergleute von zu Hause in die Stollen und den des schwarzen Goldes bis zur Weiterverarbeitung in Brikettfabrik und Kokerei. Schon ein Jahr vorher wurde „Strom – Lebensnerv unserer Zeit“ (1957, 14 Min, 16 mm) gedreht. Die Rheinisch-Westfälische Elektrizitätswerk AG aus Essen wirbt ziemlich clever für ihre Elektrizitätsversorgung der boomenden Bundesrepublik und das ohne einmal genannt zu werden. Interessant ist ganz aktuell auch der Ausblick auf die sich damals abzeichnende Nutzung der Kernenergie und die gleichzeitig seltenen Aufnahmen vom Wasserkraftwerk Baldeney.
Ein Jahr nach der „Kohle“–Werbung hatte die Kohlekrise ihren ersten Höhepunkt. Die Industriegewerkschaft Bergbau ging auf die Straße. Mehr als 60.000 Bergleute marschierten damals fünf Stunden lang durch die Bundeshauptstadt Bonn. Der unterstützende Dokumentarfilm „Schon vergessen?" will den elementaren Beitrag der Bergleute zur Beseitigung der Nachkriegsnot und zum Wiederaufbau Westdeutschlands nach dem 2. Weltkrieg in Erinnerung rufen. Die Seele des Ruhrgebiet hat seit der Zeit tiefe Narben, auch das ein Grund, diese Filme, die für ein breiteres Publikum nur selten oder noch nie zu sehen waren, wie ein Kleinod zu hüten.
IndustrieFilm Ruhr '11
So, 2. 10., 14 bis 23 Uhr
Filmstudio Glückauf, Essen
Infos: 0201-275555
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