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Kopftuch oder nicht? Pegah Ferydoni in „300 Worte Deutsch“
Foto: Film

„Dieser Terror hat nichts mit Religion zu tun“

29. Januar 2015

Pegah Ferydoni über „300 Worte Deutsch“, Pegida- und IS-Terror und arrangierte Ehen – Roter Teppich 02/15

Spätestens seit ihrer Hauptrolle als Yağmur Öztürk in der überaus beliebten ARD-Vorabendserie „Türkisch für Anfänger“ ist die 1983 in Teheran geborene Pegah Ferydoni einem breiten Publikum bekannt. Im Alter von zwei Jahren floh sie mit ihren Eltern aus dem Iran nach Deutschland, an der Universität Potsdam studierte sie später Philosophie. Neben Gastauftritten in zahlreichen Fernsehserien spielte Ferydoni Hauptrollen in Kinofilmen wie „Women Without Men“ , „Ayla“ oder dem Ableger von „Türkisch für Anfänger“. Nun ist sie in „300 Worte Deutsch“ an der Seite von Christoph Maria Herbst mal wieder als Türkin im Kino zu sehen.

engels: Frau Ferydoni, „300 Worte Deutsch“ versucht mit Humor, kulturelle Differenzen aufzuzeigen. Etwas ähnliches hat „Charlie Hebdo“ gemacht, mit ganz grauenvollen Konsequenzen ...

Pegah Ferydoni: Wenn man so einen Film macht, dann versucht man natürlich auch, relevant zu sein und den Blick zu richten auf das, was in unserer Gesellschaft passiert. Was für Fragen stellen wir uns, was kann man filmisch mal thematisieren? Dass sich die Ereignisse nun auf diese Weise überschlagen haben, ist natürlich traurig, zeigt andererseits aber auch, wie wichtig ein solcher Film ist. Denn eine Komödie zeigt, wie man auf entkrampfte Art und Weise mit dem Thema umgehen kann.

Fühlen Sie sich als persisch-stämmige Frau vom Aufkommen der Pegida-Bewegung in Deutschland persönlich bedroht?

Nein, direkt bedroht nicht. Aber ich finde das schon sehr besorgniserregend. Man darf allerdings nicht vergessen, dass es sich hierbei um eine vergleichsweise kleine Gruppe handelt. Durch ihre Präsenz in den Medien und im Internet wirkt sie gigantisch, aber die Menschen, die gegen Pegida sind und die für Vielfalt in Deutschland eintreten, sind eigentlich in der überwältigenden Mehrheit. Übergriffe auf eindeutig muslimisch oder islamisch aussehende oder dunkelhäutige Menschen finde ich bedrohlich, weil ich mich frage, wohin wir gesamtgesellschaftlich nun steuern. Und ich frage mich auch, wie ich helfen kann, um dem entgegenzuwirken.

Von wesentlich größerem Ausmaß und insofern bedrohlicher ist das, was durch den Terror des „Islamischen Staates“ in den arabischen Ländern derzeit passiert ...

Das ist einfach grauenhaft für die Menschen vor Ort! Ich habe weniger Angst, dass wir uns den Terror zurück importieren, ich finde es wesentlich erschreckender, was den Syrern und den Irakern in ihren Ländern passiert. Die Flüchtlingsströme in den Nachbarländern aufzufangen ist eigentlich ein globales Problem, bei dem alle Länder mithelfen müssten. Auch, um diesem islamistischen Terror etwas entgegenzustellen. Es gibt zwar ein paar militärische Erfolge, aber das ebbt dann doch wieder ab. Die Art und Weise, wie unsere Medien funktionieren, besorgt mich indiesem Zusammenhang auch. In einer Woche gibt es sehr viele Nachrichten aus diesen Regionen und zu diesem Thema, doch dann gibt es irgendwann die Übersättigung und man hört überhaupt nichts mehr darüber. Die Weltengemeinschaft ist dann nicht mehr so alarmiert, weil sie nicht mehr so informiert darüber ist. Ich habe Angst, dass man die Menschen dort vergisst und sie allein lässt! Genauso problematisch finde ich in diesem Zusammenhang, dass immer vom Islam gesprochen wird. Ich persönlich glaube, dass dieser Terror nichts mit Religion zu tun hat, ganz im Gegenteil. Salafismus ist in meinen Augen eine Art Protestbewegung der jungen Leute, die irgendwie durchs soziale Raster gefallen sind und die sich um ihre Biografie betrogen sehen. Linksextremismus und Rechtsextremismus ist denen zu soft, und da sie nichts zu verlieren haben, finden sie im kriegerischen Djihad eine Art Spielplatz, wo sie ihre gewalttätigen Fantasien ausleben und ihren Frust kanalisieren können. Das ist das gefährliche, weil ich meine, dass das von einer Pegida-Bewegung gar nicht so weit entfernt ist. Menschen, die sich unbeachtet fühlen und die jeweils auf ihre Weise aufbegehren.

Sie spielen im Film zum wiederholten Male eine Türkin, haben Sie sich damit als Deutsch-Iranerin mittlerweile arrangiert oder ist das für Sie noch immer irgendwie seltsam?

Na ja, hier spiele ich ja eine Deutsch-Türkin, und das ist dann gar nicht mehr so weit weg von mir selbst. Die Türken sind in Deutschland unter den Migranten eben in der Mehrzahl, deswegen sind deren Geschichten eben diejenigen, die die Menschen bewegen. Wir reden ja über die Türken, wenn wir von Muslimen oder Migranten in Deutschland sprechen. Wir reden da nicht so sehr von den Spaniern oder Griechen, sondern eben von den Deutsch-Türken und den Deutsch-Arabern. Wenn wir auf deren Geschichten schauen, versuchen wir mit unserem Film, Vorurteile abzubauen, die sich im Laufe der letzten Jahre, spätestens seit Sarrazin, so aufgehäuft haben. Mir persönlich macht das einfach Spaß, denn das ist ja keine monolithische Volksgruppe, sondern ein sehr amüsanter und humorvoller Schlag Menschen. Es macht mir einfach Spaß, die zu interpretieren.

Im Film werden auch innertürkische Probleme wie die Kopftuch-Debatte und arrangierte Ehen thematisiert. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Die Probleme, die in unserem Film auftauchen, sind nicht exklusiv der so genannten türkischen Kultur zuzuschreiben. Ich spiele in „300 Worte Deutsch“ die Tochter eines Hodschas in einer muslimischen Gemeinde, dadurch entstehen wieder sehr konkrete und spezifische Probleme. Natürlich gibt es arrangierte Ehen und so genannte „Import-Bräute“, aber das Tolle am Film ist, dass das gesamte Spektrum dessen durch verschiedene Pärchen thematisiert wird. Wir zeigen, wie unterschiedlich die Menschen sind und wie unterschiedlich sie damit umgehen. Wir zeigen Frauen, die nicht nach Deutschland kommen wollen, auch Männer, die gar nicht verheiratet werden wollen und andere, die sich nicht kennen und sich treffen und sich dabei dann doch irgendwie ineinander verlieben, was vielleicht mit einer Art Internet-Date vergleichbar ist. Man kann sich einem solchen Thema eigentlich nur durch die Komödie nähern, weil alles andere die Fronten verhärten würde und weitere Vorurteile schürt.

Christoph Maria Herbst spielt im Film den personifizierten deutschen Beamten. Hatten Sie selbst auch schon einmal Ärger mit den deutschen Behörden?

Wenn ich darüber nachdenke, fällt mir ein, dass es so etwas tatsächlich gab, als ich mit 16 Jahren eingebürgert wurde. In meine Einbürgerungsurkunde hatte sich damals ein Buchstabendreher in meinen Namen eingeschlichen, mein Familienname war völlig verhunzt. Und da musste ich dann zwei Jahre darum kämpfen, dass mein Name schriftlich korrigiert wird. Dabei merkte ich, dass das den zuständigen Beamten vollkommen egal war und die das auf eine rein formale Sache reduzierten. Das kommt bei Bürokraten ja oft vor, dass sie den Menschen nicht als Individuum wahrnehmen, sondern einfach streng nach Form vorgehen.

Sie leben in Berlin, „300 Worte Deutsch“ wurde in Köln gedreht. Konnten Sie irgendwelche signifikanten Unterschiede zwischen den beiden Migrantengruppen in diesen Städten feststellen?

Die Migranten in Köln sind Kölner, und die Migranten in Berlin sind Berliner (lacht). Das ist der signifikante Unterschied. Wir vergessen ja meist bei der ganzen Debatte, ob der Islam zu Deutschland gehört oder nicht, dass die deutschen Muslime vor allem sehr deutsch sind. Die sind anders als Muslime in anderen Ländern, deswegen merkt man dann auch einen Unterschied zwischen den Muslimen in den unterschiedlichen deutschen Städten. Die Kölner sind irgendwie lustiger, und die Berliner sind etwas mauliger und frecher (lacht).

Mit „Women Without Men“ haben Sie in einem persischen Film mitgespielt. Wie bekannt sind Sie denn mittlerweile im Iran?

Das kann ich selbst schwer einschätzen, aber ich glaube schon, dass man mich kennt. Die Iraner blicken immer ganz stolz auf ihre Exil-Künstler und verfolgen deren Schaffen sehr genau. Sie haben ja dazu die Möglichkeiten über Internet und Satellit, sich diese ganzen Sachen anzusehen. Und sie sind natürlich auch ganz froh, wenn einmal im Ausland ein positives Bild von ihnen transportiert wird.

In einem Interview haben Sie gesagt, dass Sie amerikanische Popcorn-Filme mögen ...

Ja, das ist jetzt etwas überspitzt, aber ich sehe mir auch gern unterhaltsame Filme an. Ich gehe auch gerne ins 3D-Kino. Ich bin nicht festgelegt auf französische Nouvelle-Vague-Filme oder so, es gehört auch ein Stückweit zu meinem beruflichen Handwerk, dass ich mir alles ansehe. Und ich bin da schon sehr breit gefächert interessiert. Ich könnte mir auch gut vorstellen, mal in einem solchen Hollywood-Film mitzuspielen, insbesondere Actionfilme würden mich da sehr reizen. Ich habe auch in „300 Worte Deutsch“ ein bisschen Karate gemacht, und alles, was körperlich ist, finde ich bei der Arbeit sehr interessant. Und auch Historienfilme finde ich unglaublich toll, mit den Kostümen und der Ausstattung. Aber prinzipiell wäre ich gar nicht so sehr auf ein Genre fixiert. Es hängt ja auch immer damit zusammen, mit wem man arbeitet, was für eine Geschichte es ist und wie gut das Drehbuch und meine Rolle wäre.

Interview: Frank Brenner

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