Nächstes Jahr würde Friedrich Engels 200 Jahre alt werden – dieser Satz ist falsch, denn niemand wird 200 Jahre alt. Nicht einmal eine unsterbliche Persönlichkeit wie Friedrich Engels. Wie sehr das Schaffen des vielleicht berühmtesten Sohnes Wuppertals auch heute weiterlebt, zeigt der Cartoon-Band „Engels-Gesichter“, der am 22. November noch dieses Jahres erscheint.
Darin erfahren wir endlich, endlich, endlich warum wir die ursprüngliche Ausprägung der Idee vom Kommunismus lediglich Marxismus nennen, wo doch der Wuppertaler neben Karl Marx gleichberechtigter Co-Autor des Kommunistischen Manifests war: „Nee, Karl, schreib *Du* mal das Kapital“, sagt da ein junger Engels zu einem sichtlich überrumpelten Marx, „‚Engelsismus‘ hört sich einfach leicht schräg an.“ Und er hat recht! (Oder vielmehr Cartoonist Freimut Woessner.) Geschichte wird eben nicht nur von den Siegern geschrieben, sondern auch von denen, die mit Sprache umzugehen wissen. Beispielsweise, von Lehrerinnen einer „Pubertierendenaufbewahrungsstation“, die ihren Schutzbefohlenen Geschichte beibringen will: „Stell dir vor, Engels wäre Rezo und würde auf YouTube die Zerstörung des Kapitalismus fordern.“
Rezo? Das war doch erst im Mai! Ja, „Engels-Gesichter“ ist für eine Festschrift zum Engels-Jahr 2020, und sei es auch eine komische, ziemlich aktuell. Herausgeber André POLOczek, selbst gebürtiger Wuppertaler, hat für diesen nicht in einer 200-jährigen Engels-Rezeption gewühlt und einen historischen Abriss geliefert, sondern auf 120 Seiten größtenteils aktuelle Cartoons, Karikaturen Gedichte und kurze und kürzeste Prosa versammelt. Über 40 Schaffende unterschiedlicher Disziplinen setzen sich nicht bloß mit der Person Friedrich Engels’ auseinander, sondern mit seinem „Vermächtnis“, also der DDR oder China, oder mit den Blüten des heutigen Kapitalismus: ungerechte Löhne, Schwarzgeldaffären, Arbeitslosigkeit, Mietpreisexplosion (Makler zur dreiköpfigen Familie: „Klein, ohne Balkon und stockdunkel. Aber es wird Sie trösten, dass Sie, um das Geld für die Miete aufzubringen, ohnehin nicht viel Zeit in Ihrer Wohnung verbringen werden.“ (Dennis Metz)).
Die aktuelle Digitalisierung und Robotisierung der Arbeit wird erstaunlich pessimistisch-konservativ aufgefasst („Ich übernehme jede Arbeit. Auch deine.“ (Markus Grolik)). Dabei versprechen Roboter doch die Erlösung von unwürdigen Arbeitsbedingungen… Wie dem auch sei, verwundert es nicht, dass die namhaften, größtenteils geistreichen Schaffenden – Til Mette, Ari Plikat, F. W. Bernstein, Frank Hoppmann, um nur ein paar weitere zu nennen – aus dem eher kapitalismuskritischen Spektrum der Publizistik stammen. Viele zeichnen für die „taz“, „Eulenspiegel“ oder „Titanic“. Und dabei seien an dieser Stelle die hervorragenden Gedichte des ehemaligen Titanic-Chefredakteurs Thomas Gsella zu loben. Oh und das fantastische, einnehmende Titelbild von Frank Hoppmann (der wiederum nicht für Titanic, aber trotzdem großartig arbeitet.)
Muss man eine Engels-Biografie gelesen haben, um die anzunehmenden linken „Insider-Witze“ zu verstehen? Nein. Lernt man die Person Friedrich Engels auf humorige Weise näher kennen? Kaum. Die meisten Engels-bezogenen Witze kreisen um Folgendes: Friedrich Engels hatte einen Bart, sein bester Kumpel war Karl Marx und in seinem Nachnamen steckt „Engel“ drin. Es genügt also eine solide Allgemeinbildung, um einige vergnügliche Augenblicke mit dem Buch zu haben. Schön, wenn man mit einem lachenden Auge auf die Ausbeutung der arbeitenden Klasse blicken kann.
Begleitend gibt es in der Zentralbibliothek Wuppertal auch eine Ausstellung, in der die Werke auch zu sehen sind. Vernissage ist am 28.11. um 18 Uhr. Die Ausstellung läuft bis zum 30.1. und anschließend anlässlich Engels’ Geburtstag noch einmal ab Ende 2020.
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