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Hamsun vor Hunger im Delirium
Bild: Martin Ernstsen; avant-verlag

Schön schlimm

18. Dezember 2019

Drama und Schrecken in Farbe – ComicKultur 12/19

In „Das Licht, das Schatten leert“ lässt uns Tina Brenneisen schmerzvoll nah an sich ran: Sie erzählt von der Totgeburt ihres Sohnes Lasse und wie sie darauf zusammen mit ihrem Mann in ein tiefes Loch fällt, aus dem es kaum ein Entrinnen gibt. Sie findet tolle Bilder für ihre Gefühle, erzählt mit scheinbar zittriger Hand von bedrohlichen Seelenzuständen, die sich in zerknitterten Gesichtern abbilden. Tief berührend (Edition Moderne). Nach den Anschlägen auf die Redaktion der Satire-Zeitschrift Charlie Hebdo, bei dem zwölf Menschen starben, waren alle Charlie. Wer Charlie wirklich war, dass erzählt Luz, einer der überlebenden Mitarbeiter, in seinem über 300 Seiten umfassenden Rückblick auf fast 25 Jahre Arbeit in der Redaktion. Nach „Katharsis“ ist „Wir waren Charlie“ Luz‘ zweites autobiografisches Werk. Seinen Humor lässt er, der bis heute unter Polizeischutz steht, sich nicht nehmen (Reprodukt).

Martin Ernstsenadaptiert mit „Hunger“ Knut Hamsuns Roman aus dem Jahr 1890, in dem sich Hamsun mit einem bilderreichen Stream-of-Consciousness vom Realismus jener Zeit löst und seine Schwere, von Armut geprägte Zeit in Oslo anschaulich beschreibt. Ernstsen findet großartige, fibrige Bilder für das Debüt des später offen nationalsozialistischen Autors, der mit seinem Frühwerk noch alle linken, deutschen Intellektuellen begeistern konnte (avant-verlag).

Renée Naulthatte sich schon vor der erfolgreichen Serie an eine Comic-Adaption von Margaret Atwoods Dystopie „Der Report der Magd“ gemacht und sie auch nach ihrem Start gemieden. So entgeht ihre Version der Gefahr, ein Abklatsch der Serie zu sein. Auffällig sind die betont strahlenden Farben ihrer Aquarellzeichnungen, die im Kontrast zu dem faschistischen Szenario stehen, in dem die Protagonistin lebt. Grotesk und erschütternd und zuweilen dann auch visuell sehr düster (Berlin Verlag). Marco Wiersch und Bernd Kissel erzählen in „Freistaat Flaschenhals“ in einer Mischung aus Schildbürgerstreich und akkurater Geschichtsschreibung von der ab 1919 vier Jahre andauernden Existenz eines Freistaats zwischen Mainz und Koblenz, weil bei der Verteilung des Landes an die Alliierten eine Lücke entstand. Eine historische Randnotiz, die im Comic eine Würdigungerfährt (Carlsen).

Christian Meyer-Pröpstl

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