Wie weit darf die Jugendliteratur gehen? John Green elektrisiert mit seinem Bestseller „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ die halbe Welt mit dem Leiden krebskranker Jugendlicher. Ein Thema, von dem man noch vor zehn Jahren annahm, es würde Teenager überfordern. Inzwischen ist eine Welle von Romanen über uns hinweg gegangen, in denen Krankheit und Tod so detailliert beschrieben werden, dass manche Teenager bekennen, sie seien geradezu süchtig nach „traurigen“ Geschichten. Literarisch wurde der jungen Gattung, die sich erst in den siebziger Jahren so richtig etablieren konnte, gerne die zweite Reihe zugewiesen. Kann ein Roman wirkliche Größe besitzen, wenn er sich an den Grenzen pädagogischer Tabus bewegt? Dieser Zweifel haftet der Jugendliteratur bis heute an, die auf dem Markt ein wichtiges Segment darstellt, da sie die größten Zuwachsraten der Branche verzeichnet.
Inzwischen geht es härter zu in der literarischen Welt der 12- bis 16-Jährigen. In Janne Tellers „Nichts“ hackt man sich die Finger ab und in den preisgekrönten Romanen „Junkgirl“ von Anna Kuschnarowa oder „Tigermilch“ von Stefanie de Velasco finden sich explizite Beschreibungen käuflicher Sexualität. Ihre Heldinnen wissen, wie es auf dem Strich zugeht. Ihr Milieu kennt keine Geheimnisse, auch für den Leser bald auch nicht mehr.
Nun setzen Friedrich Ani mit „Die unterirdische Sonne“ und Kevin Brooks mit seinem Roman „Bunker Diary“ noch eins drauf, indem sie das vielleicht schmerzhafteste Tabu brechen, das die Jugendliteratur kennt. Ohne von ihrem jeweiligen Vorhaben zu wissen, erzählen beide von Teenagern, die gekidnappt, eingesperrt und bei Ani sogar missbraucht werden. Es gibt kein Entkommen. Das Sujet beider Romane ist ein Zustand, in dem Menschen leiden, ohne dass es für sie einen Funken Hoffnung auf Erlösung geben würde.
Kindern Geschichten erzählen, die kein Happy End besitzen, darf man das? Eine Frage, die das Netz beschäftigt. Kevin Brooks meint: „Junge Leute sind keine Dummköpfe, sie wissen, was es mit dem Leben auf sich hat. (…) Sie haben es nicht nötig, sich in Büchern Hoffnung geben zu lassen.“
Tatsächlich geht Brooks bis zum Äußersten; sein junger Erzähler führt Tagebuch, bis ihn die Kräfte verlassen. Ist Brooks, der die verschiedenen Stadien der Verzweiflung schildert, ein Sadist? Nein, es geschieht etwas anderes, während man auf beklemmende Weise mit dem Erzähler das Sterben – die extremste menschliche Erfahrung – teilt. Der Junge gewinnt seine Würde. Das Sterben ist unausweichlich, was er jedoch daraus macht, entscheidet er selbst. Brooks ist ein Autor, der sein Publikum ernst nimmt, deshalb setzt er ihm schwere Kost vor, und die ist freilich so nahrhaft , dass man als Leser unweigerlich an ihr wächst.
Friedrich Ani: „Die unterirdische Sonne“. cbj, 336 S.,16,99 €
Kevin Brooks: „Bunker Diary“. Deutsch von Uwe-Michael Gutzschhahn, dtv 300 S., 10,99 €
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