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„Everest“
Foto: Klaus Lefebvre

Gespenstische Expedition in die Seele

11. September 2019

Moderne Kurzoper in Hagen: „Everest“ – Oper in NRW 09/19

Was treibt Menschen auf den höchsten Berg der Erde – in die Todeszone? Dorthin, wo der Sauerstoffmangel Körper und Geist mit jeder Sekunde weiter zerstört? Ist es tatsächlich die Suche nach den eigenen Grenzen? Oder doch eher die Flucht vor dem profanen Leben? Komponist Joby Talbot und Librettist Gene Scheer haben diese Fragen mit einer modernen Kurzoper gestellt. 2015 hatte „Everest“ im texanischen Dallas Uraufführung. Am Theater Hagen war sie 2018 erstmals in Europa zu sehen. Nun wird sie wiederaufgenommen. Die Handlung basiert auf wahren Begebenheiten: 1996 führte der Neuseeländer Rob Hall eine kommerzielle Expedition auf den Mount Everest. Mit seinem Kunden Doug Hansen, der nicht fit genug für die Tour war, gelangte er zwar auf den Gipfel, kam mit ihm aber beim Abstieg in einen Schneesturm ums Leben. Ein dritter Bergsteiger, Beck Weathers, musste schon vor dem Gipfel aufgeben, weil er schneeblind wurde. Ihm hatte Hall versprochen, ihn beim Abstieg wieder mitzunehmen.

So dramatisch die Geschichte auch ist, für die gerade einmal 75 Minuten kurze Oper bietet sie nur ein äußeres Gerüst für den intensiven Blick in die Gefühlswelten der Beteiligten. Die extremen Belastungen und der Sauerstoffmangel bringen die Männer zum Halluzinieren, spülen dabei verschüttete innere Konflikte frei. Regisseur Johannes Erath verlegt deshalb die Handlung ins Bergsanatorium aus Thomas Manns Zauberberg-Roman (sehr gelungene Ausstattung von Kaspar Glarner). Das ist zunächst nicht sonderlich originell, erfreut sich die Berghotel-Kulisse mit Alpenblick doch allgemein sehr großer Beliebtheit bei Opernregisseuren. In diesem Fall aber passt sie tatsächlich gut – und löst auch noch ganz praktische Probleme: etwa dass der eigentlich unsichtbare Chor der tödlich am Berg Verunglückten so ins Bühnengeschehen einbezogen werden kann.

Erath bietet sehr konkrete Interpretationen an: Den Expeditionskunden Doug etwa lässt er nicht nur vor Depressionen, sondern vor einer handfesten Drogensucht fliehen und den „Schnee“ in einer Erinnerung auch als weißes Pulver von der Bühne schniefen. Das passt durchaus zu diesem Stück, das zwar in seelische Grenzregionen vorstößt und geradezu psychodelische Visionen enthält, aber doch in Handlung und auch in der Musik sehr greifbar bleibt. Mit abgehobener freitonaler Avantgarde hat Komponist Talbot nichts am Hut. Der Brite ist mit Filmmusik (u.a. Per Anhalter durch die Galaxis, 2005) bekannt geworden und das merkt man sehr deutlich. Mit viel experimentierfreudig eingesetztem Schlagwerk wollte er „den Berg zum Klingen bringen“, was sehr gut gelungen ist. Das Ächzen des Eises, der tosende Wind und die gähnenden Abgründe, in die etwa die Glissandi der Streicher immer wieder hinab fallen, wirken überaus plastisch und erzeugen eine gespenstische Atmosphäre. Bei den Arien, Duetten und Ensembles hingegen dominieren eingängige Melodien und Stilmittel der Minimal Music mit schleifenartigen Wiederholungen.

Musa Nkuna als Rob, Kenneth Mattice als Doug und Morgan Moody als Beck singen und spielen das Bergsteiger-Trio mit großer Inbrunst und Überzeugungskraft. Die Partien sind tatsächlich auch ohne Berge sehr kräftezehrend. Denn am Berg gibt’s keine wirklich leisen Töne. Die zarten Momente spielen sich in den Köpfen ab. Darin tauchen die einzigen beiden Frauenfiguren auf: Veronika Haller singt Robs schwangere Frau Jan Arnold, die junge Elisabeth Pilon – alternierend mit Pauline Engelhaupt – Becks Tochter Meg. Orchesterchef Joseph Trafton lässt sich allerhand einfallen, um eine größtmögliche Raumwirkung mit unterschiedlichen Instrumentengruppen und dem Chor zu entfalten. Allein bei der Textverständlichkeit, vor allem beim Chor, müssen gelegentlich Abstriche gemacht werden. Dann helfen die deutschen Übertitel weiter.

Thematisch ist „Everest“ zwar eine Oper par excellence, Talbots Musik fällt allerdings sehr deutlich aus den üblichen Genregrenzen heraus. „Everest“ hat durchaus das Zeug dazu, einem Publikum zu gefallen, das üblicherweise nicht viel mit Opern anfangen kann.

„Everest“ | 29.9. 18 Uhr, 19.10. 19.30 Uhr | Theater Hagen | 02331 207 32 18

Karsten Mark

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