
Bones And All
Italien 2022, Laufzeit: 130 Min., FSK 16
Regie: Luca Guadagnino
Darsteller: Timothée Chalamet, Michael Stuhlbarg, Taylor Russell
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Romantisches Horror-Melodram
More and more and more
„Bones And All“ von Luca Guadagnino
Menschen sind auch nur Monster, und Monster sind auch nur Menschen. Und nachdem sich das Genrekino zunehmend empathisch gibt, zeichnet sich ein James Bond heutzutage ebenso mit Charaktertiefe aus wie unheimliche Wesen aus fremden und vor allem hiesigen Welten. Anmutig und behutsam nähert man sich heute Vampir und Co, zuletzt gelang dies Ana Lily Amirpour recht eindrucksvoll mit ihrem „A Girl Walks Home Alone At Night“ oder Jim Jarmusch mit „Only Lovers Left Alive“. Nach seiner Neuinterpretation von Dario Argentos „Suspiria“ widmet sich nun Luca Guadagnino den Kannibalen. An sich nichts Phantastisches, durchaus aber ebenso gruselig wie Werwolf, Zombie, Dracula. Menschen, die Menschen verspeisen. In Vorkinozeiten schrieben weiße Autoren gern indigenen Völkern derlei Ambitionen zu, später griffen weiße Regisseure in den 1970ern den Gedanken dankbar für’s Exploitationkino auf. Spätestens aber seit dem „Kannibalen von Rotenburg“ wissen wir: Sie sind mitten unter uns! 2010 erzählte der Spielfilm „Wir sind was wir sind“ sozialkritisch von einer mexikanischen Familie, die in Armut lebt und sich von fremden Menschen ernährt. Guadagnino nun erzählt ein Liebesdrama – unter Kannibalen.
Anders als die klassischen Vertreter verleiht dieser Genre-Beitrag seinen Protagonist*innen dabei auch fantastischen Input: Die Kannibalen nämlich erkennen einander, sprich: Sie erschnuppern sich. Und sie verfallen regelmäßig zwanghaft dem verbotenen Appetit. Ansonsten geht man sich gegenseitig eher nicht ans Leder, und die Gier nach Menschenfleisch ist vererbbar. Die Schülerin Marie (Taylor Russell, „Waves“) ist eine Kannibalin. Sie geht auf die Highschool und lebt behütet und versteckt bei ihrem Vater. Ein neuer Vorfall schließlich bewegt Letzteren zur Flucht, woraufhin sich Marie auf die Suche nach ihrer Mutter begibt. Marie trifft auf Sully (Mark Rylance), einen Schicksalsgefährten, der ihr Unterschlupft gewährt und adäquate Kühlschrankkost offeriert. Wenig später, auf ihrer Reise durch die Vereinigten Staaten, begegnet Marie schließlich dem gleichaltrigen, abgeklärten Lee (Co-Produzent Timothée Chalamet, „Dune“). Gemeinsam stellen sie sich ihrer Gier, suchen das Leben, verfallen der Liebe.
Doof, dass der Film vergleichsweise trivial ausläuft. Denn eigentlich ist er das nicht. Beruhend auf der literarischen Vorlage von Camille DeAngelis, erzählt Guadagnino spannend und melancholisch vom Außenseiterdasein seiner Protagonist*innen, von den Opfern der eigenen Triebe, von Schuldgefühl, Ausweglosigkeit, Einsamkeit. Musikalisch lässt sich das Paar treiben von Wave-Songs der 1980er, Trent Reznor und Atticus Ross („The Social Network“, „Verblendung“, „Soul“) ummanteln das Ganze bewährt stimmungsvoll und setzen darüber hinaus hübsche Akzente mit ländlichem Südstaatencharme. Die Kamera (Arseni Khachaturan) fängt, mal mit schleichendem Zoom, mal mit assoziativen Bildstakkato, wundervoll stimmungsvolle Momente ein. Und natürlich überzeugen die zwei Hauptdarsteller*innen. „Bones and all“ ist ein wundervolles, atmosphärisches Horrormärchen, ein Roadmovie, hoffnungsvoll romantisch, hoffnungslos melodramatisch.

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