
Silent Friend
Deutschland, Ungarn, Frankreich, China 2025, Laufzeit: 146 Min., FSK 6
Regie: Ildiko Enyedi
Darsteller: Tony Leung Chiu-Wai, Luna Wedler, Léa Seydoux
Sinnlich ergreifendes Drama
Mein Freund, der Mensch
„Silent Friend“ von Ildikó Enyedi
Im alten botanischen Garten der hessischen Universitätsstadt Marburg steht seit über hundert Jahren ein Ginkgobaum. Die Zeit scheint stehen geblieben an diesem Ort. Menschen schlendern durch den Park, begegnen dem Ginkgo. Unbewusst. Bewusst. In dem Drama von Ildikó Enyedi („Körper und Seele“) bildet der Baum den Dreh- und Angelpunkt dreier Menschen aus drei Epochen. 1908 wird Grete (Luna Wedler) als erste Studentin an der Universität aufgenommen und stößt überall auf Herablassung. Rund um den Ginkgobaum sucht sie Halt. 1972 findet der ländlich verwurzelte Student Hannes (Enzo Brumm) keinen Anschluss im Kreise der Kommiliton:innen, stattdessen entdeckt er die Flora für sich. 2020 untersucht der Neurowissenschaftler Tony (Tony Leung Chiu-wai) aus Hongkong Pflanzen auf Hirnströme. Der Ginkgobaum wird Proband seiner Forschung. Drei Forscher:innen, die dem Baum begegnen, sein Wesen ergründen, sich mit ihm verbinden. Über Handauflegen, Lötkolben und Hirnstrommessung. Und die ihn dabei als ein Wesen erleben und begreifen, das selbst erlebt und wahrnimmt, beobachtet und kommuniziert.
Wer sich Roald Dahls Kurzgeschichten zu Gemüte führt, wird auf „The Sound Machine“ stoßen. Darin wird von einem Forscher erzählt, der ein Gerät entwickelt, das dem menschlichen Ohr Laute zu Gehör führt, die es normalerweise nicht wahrnimmt. Als die Nachbarin Blumen schneidet, dringt über das Gerät das Wehklagen der Pflanzen in die Gehörgänge des Forschers. Eine Erfahrung, die seinen Blick auf die Welt grundlegend verändern wird. Tony ist quasi das Update dieser Figur: Er verkabelt den Ginkgo, um Spannungsschwankungen unter der Rindoberfläche auszuwerten. Um das Erleben des Baumes mit dem des Menschen zu vergleichen, sucht er Referenzen. So misst er seine Hirnströme unter der Dusche, um das Erleben des Baums bei Regen zu simulieren – und von seiner Kollegin (Léa Seydoux) korrigiert zu werden: „Dann hätten Sie unter der Dusche trinken müssen!“
Ja, Wissenschaft ist komplex. Und Ildikó Enyedi nimmt es auch mal mit Humor. Zugleich war die ungarische Filmemacherin in ihrer Arbeit schon wiederholt leidenschaftlich der Flora verbunden, begab sich zuvor schon in „Der Freischütz“ auf die Spur einer uralten Eiche oder verwickelte in „Simon the Magician“ eine Topfpflanze in einen Mordfall. Für „Silent Friend“ wurde Enyedi allerdings weniger von Roald Dahl inspiriert als vielmehr von der partizipativen Wissenschaft, bei der die Forschung ihrem Forschungsobjekt auf Augenhöhe begegnet – aus wahrer Neugier. Johann Wolfgang von Goethe prägte einst diesen Ansatz.
Enyedis Drama, das anmutig sinnlich Wissenschaft und Fiktion verwebt, ist in vielfacher Hinsicht anregend, wenn es im Hinblick auf unsere Wahrnehmung von und unserem Umgang mit der Natur Blickwinkel verschiebt und Perspektiven eröffnet. Mit ihrem Kameramann Gergely Pálos kommt Enyedi dem Baum nah, nimmt seinen Blick ein, umkreist ihn, tastet ihn ab, die Blätter, die Rinde, vergräbt sich bis in seine Wurzeln, umgeben von betörend wabernder Soundkomposition. Der Baum lebt und atmet, er saugt Gerüche auf. Und er ist Seelenverwandter der Menschen, die ihm hier begegnen: Allesamt vereint sie die Einsamkeit. Der Ginkgo ist einsam als einziger seiner Art im Park, so wie Grete es ist in der akademischen Männerwelt, so wie Hannes in seiner Selbstsuche und wie Tony, der sich im Institut durch Covid isoliert und ausgebremst findet.
Auch Zeit ist ein bedeutsames Thema hier, Zeit, die sich zieht, die sich streckt, die überdauert. Und Zeit wurde es auch für diese Kulisse: Vielleicht musste Marburg – der Autor ist als Kind der Stadt geringfügig befangen – genau auf diesen Film warten, um endlich umfänglich als Drehort für einen Kinofilm gewürdigt zu werden. Eine Stadt, die unzählige Orte birgt, an denen die Zeit stehengeblieben scheint. Vor dieser besonderen Kulisse entfaltet Ildikó Enyedi ein sinnlich mäanderndes, meditatives Drama über Mensch, Natur, Einsamkeit und Selbstfindung, das wundersam erdet, anregt und berührt.

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