Klassischen Stoffen in der Oper zu begegnen, erzeugt gern ein Gefühl der Vertrautheit. Noch schöner ist es aber, wenn Komponisten originelle, nie erzählte Geschichten in ihre Musik kleiden. So das Team George Benjamin und sein langjähriger künstlerischer Partner, der Dramatiker Martin Crimp. Sie erzählen in ihrer jüngsten, in Köln nun zum ersten Mal in Deutschland gezeigten Oper „Picture a day like this“ ein Märchen über die uralte Sehnsucht, Tote ins Leben zurückzubringen.
Der britische Komponist folgt einer Frau auf einer wundersamen Reise, die einen Tag „bis zum Anbruch der Nacht“ dauert. Die namenlose Mutter hat ihr Kind verloren, als es „gerade begonnen hat, ganze Sätze zu sprechen. Sie weigert sich, den Körper ihres Sohnes verbrennen zu lassen: „Die kalte Erde erwacht zum Leben … Warum nicht auch mein Sohn?“ Die Bestatterinnen geben der Trauernden einen Plan und fordern sie auf, einen glücklichen Menschen auf dieser Welt zu finden und ihm einen Knopf seines Gewands abzuschneiden. Dann werde das Kind wieder lebendig.
Die Fabel führt die Frau auf eine Reise in sieben Szenen zu unterschiedlichen Menschen, aber keiner ist glücklich – bis sie nach einer Stunde auf ein Wesen in einem Garten trifft, vielleicht ein Mensch, vielleicht eine Fee. Das Ende bleibt mysteriös: Wird die Suche nach dem Glück und damit dem Leben gelingen?
Die Uraufführung von Benjamins vierter Oper in Aix-en-Provence 2023 war ein riesiger Erfolg. Der „Guardian“ schwärmte von Benjamins Partitur „mit ihren anmutig geschwungenen Gesangslinien, in denen jede Textzeile glasklar erklingt, und der exquisit gestalteten Instrumentation voller leuchtender Farben …“. Und die „Süddeutsche“ sieht in Benjamins Oper ein „Beispiel, … wie zugänglich eine zeitgenössische Oper sein kann, auch wenn ihre Macher keinerlei Kompromisse eingehen“.
Köln zeigt im Staatenhaus die in Aix entstandene Inszenierung von Daniel Jeanneteau und Marie-Christine Soma, die bereits von den Kooperationspartnern Covent Garden (London), der Opéra National du Rhin Straßburg und der Opéra Comique Paris gezeigt wurde. Der schwedische Dirigent Christian Karlsen, der mit vielen zeitgenössischen Komponisten zusammenarbeitet, leitet das Gürzenich-Orchester. Adriana Bastidas-Gamboa ist in der Rolle der Frau zu erleben.
Picture a day like this | 10. (P), 14., 17., 20., 22., 24.5. | Oper Köln | 0221 22 12 84 00
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